Vor dreiundeinhalb Jahren war unser Sohn zur falschesten Zeit am falschesten Ort, was er mit dem Leben bezahlen musste. Warum dies geschah, bleibt eines der großen Geheimnisse, die niemand beantworten kann. Was wäre, wenn …
Es ist ein trauriger Tag. Er ist umso trauriger, da wir heute einen Trauerredner erwarten. Die Mutti meines Mannes, Oma, Uroma und Schwiegermutti ist gestorben. Sie wurde einfach immer weniger, wollte nicht essen und trinken. Wahrscheinlich ist es eine Gesetzmäßigkeit, dass, je älter ein Mensch wird, er nicht mehr so viele Kalorien benötigt und entsprechend isst und trinkt. Ab einem gewissen Punkt verweigert er jegliche Nahrungsaufnahme. Offensichtlich hatte meine Schwiegermutti diese Phase erlangt. Sie lag bereits einige Tage im Bett, ehe sie für alle Zeiten einschlief. Mit fünfundneunzig Jahren. Ohne sich zu quälen. Sie DURFTE sterben, im Gegensatz zu Jens, dessen Leben vorzeitig und gewaltsam beendet wurde.
Stets, wenn andere von ihrem Tod erfahren, weiß ich genau, was sie sagen werden, weil das vorprogrammiert ist: »Sie hat ein hohes Alter erreicht« … »Sie ist friedlich eingeschlafen« … »Es ist wunderbar, dass sie keine Schmerzen hatte« und eventuell folgt noch… »So möchte ich auch mal sterben«. Sie wollen trösten, wobei all die genannten Fakten stimmen. Sobald ich solche Worte höre, regt sich in mir Widerspruch und Jens schiebt sich dazwischen. Warum war ihm das nicht ebenso vergönnt? Er hätte es verdient. Und schon hadere ich erneut mit seinem Schicksal, was die Trauer um die Schwiegermutti stört. Den Anteil nehmenden Verwandten, Bekannten und Freunden kann ich das nicht erklären. Peinliche Schweigepausen, vielleicht Unverständnis wären die Folgen. Leider bin ich unfähig, derartige Gedanken an Jens angesichts ihres Todes in den Hintergrund zu verbannen. Mich bedrückt das, da wir uns gut verstanden haben.
Wir stellen uns vor, wie sie da oben, in den Sphären einer unbekannten Existenz, ihren Enkel getroffen hat. »Was, du, … du bist hier?«, wird sie ihn erstaunt gefragt haben, denn wir hatten ihr die Katastrophe bewusst verschwiegen. Alt, geschwächt und dement, wie sie war, hätte sie diese Nachricht niemals verkraftet, auch wenn sie sie alsbald vergessen hätte. Der Moment des Erfahrens wäre für sie zu heftig gewesen. Seinen Tod hätte sie trotz des verwirrten Zustandes voll erfasst, da waren wir uns sicher. Sollte sie sich nach ihm erkundigen, wollten wir antworten, dass er für lange Zeit dienstlich in Japan wäre. Wohl fühlten wir uns bei all dem nicht, dennoch war sich die Familie einig.
Der Mantel des Schweigens breitete sich über Jens aus. Wer sie nicht mehr besuchte, entfiel unbewusst ihrem Gedächtnis. Obwohl an ihrer Wand ein Foto hing, das sie mit ihm zeigte, kamen keine Fragen, wie es ihm geht und wo er jetzt ist. Ihr Kopf vergaß. Das machte uns wiederum traurig. Sie hatte beide Enkel sehr geliebt und sich rührend um sie gekümmert.
Dafür hatte ihr die Demenz den verstorbenen Sohn wiedergegeben. Er starb im Alter von vierzehn Jahren nach einer simplen Operation. Ihre Lippen blieben darüber verschlossen. Mit fortschreitendem geistigen Verfall lösten sich wohl die Schichten, die in ihrem Gehirn das schlimme Ereignis überlagert hatten, denn sie begann zunehmend mit ihrem toten Kind zu reden, und zwar so, als stünde er direkt neben ihr. Sie selbst sprach auch seine Antworten. Ihr Matzi war wieder bei ihr! Vermutlich als Kleinkind.
Gern bestätigten wir ihr die Scheinwelt, die sie umgab. Als wir im Garten des Heims saßen, fragte sie: »Wo ist denn mein Matzi?« Und ich tat, als würde ich ihn suchen, und erklärte: »Er spielt dort drüben auf dem Spielplatz mit den anderen Kindern.« Sie war beruhigt, und ich freute mich. Die Szene liegt gerade mal zwei Monate zurück. Wir feierten ihren letzten Geburtstag, sie war gut drauf und wir tranken Sekt. Sie hatte ihren Frieden gefunden und lebte nicht mehr mit dem Bewusstsein, dass ihr Sohn sterben musste. Ich beneidete sie. Wie schön wäre es, wenn ich auf diese Art mit Jens sprechen könnte. Allerdings entspräche das nicht der menschlichen Norm. Doch was ist für uns eigentlich noch normal?
Dreiundeinhalb Jahre ohne Jens. Derzeit versuchen wir, uns mit der Vorstellung zu trösten, wie er in der unbekannten Welt mit den Großeltern seinen Spaß hat. Leider hilft es nicht über die Trauer hinweg, die seitdem ein ständiger Begleiter ist.
© Brigitte Voß
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Liebe Brigitte und lieber Wolfgang, ich fühle mit euch.
Herzliche Grüße aus Herne
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