17.09.2018, Montag – Lebensrest

Die Enkel haben uns sehr vermisst, als wir zur Kur waren. Timo strahlt uns an und Sassa vereinnahmt uns rasch für ihre Spiele. Mich lenken sie vollkommen ab und schaffen es, sogar meinen Mann ein wenig aus dem Stimmungstief herauszuholen, in dem er sich seit dem Tod seiner Mutti befindet.
Sassa spricht unbefangen über den Tod und das Sterben. Der Flugzeugabsturz, der so grausam mit dem Tod ihres Onkel Jens endete, beschäftigt die Fünfjährige. Jetzt ist ihre Uroma gestorben.
Unvermittelt sagt sie zu mir: „Ich möchte keine Oma werden.“
„Warum?“
„Weil man dann alt ist und bald sterben muss.“
„Und dann wird auch noch alles trocken“, redet sie weiter und zupft an der Haut meines Arms.
Ich muss schmunzeln. Der schwarze Humor lässt mich zu Äußerungen hinreißen, wie „Omas trocknen aus, da wird die Haut schlaff und alles hängt herab“.
Ich staune, was sie so registriert und erkläre ihr, dass das der normale Lauf des Lebens ist.
Doch im Grunde genommen hadere ich mit meinem Alter und überlege, wie viel Lebenszeit mir noch bleiben könnte. Knallhart kalkuliere ich den körperlichen Gesundheitszustand und ziehe etliche Jahre ab, die die geschädigte Psyche durch den brutalen Tod von Jens mit sich bringt. Das Ergebnis ist verstörend, obwohl mir bewusst ist, dass ich mich im Bereich wildester Spekulationen befinde. Fakt ist, die Kürze der restlichen Zeit macht mir angst. Nicht das Sterben an sich, weder die Schmerzen noch das Leiden, die es mit sich bringen könnte, da ich sofort an Jens denken muss. Was musste er für Qualen ausstehen, bevor das Flugzeug aufprallte!!!
Meine 90-jährige Tante mag die Dunkelheit nicht und fürchtet sich deswegen vor dem Tod. Dass es daraus kein Zurück gibt, beeindruckt mich nicht mehr. Unser Sohn bleibt ja auch weg.
Wahrscheinlich beschäftige ich mich seit dem grauenvollen Flugzeugabsturz zu intensiv mit Themen rund um den Tod, ich lese Bücher, stöbere im Internet und höre Podcasts, als dass ich davor Angst hätte. Nur mit meiner verbleibenden Lebenszeit hadere ich. Zum einen hänge ich trotz allem am Leben und zum anderen würde ich gern eine gründliche Aufklärung, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, erleben. Das ist bisher nicht geschehen, weil die Gegenseite, sprich Lufthansa, nichts dazu beiträgt. Sie fürchtet um ihren Ruf und damit um ihre Gewinne. Aktionäre gibt es auch noch. Es ist ein harter Ellenbogenkampf, den sie mit den Hinterbliebenen ausficht, die sich mit juristischen Mitteln wenigstens Teilwahrheiten erkämpfen wollen. Strafrechtlich können in Deutschland keine Unternehmen angeklagt werden, sondern nur einzelne Personen. So verbleibt uns die zivilrechtliche Klage, wobei über gewisse Geldforderungen die Wahrheitsfindung vorangetrieben wird.
Lufthansa weigert sich, weder eine moralische noch rechtliche Verantwortung bezüglich der Katastrophe zu übernehmen. Stattdessen werden gerichtliche Fristen ausgereizt, ja überzogen, sowie Verlängerungen beantragt. Stellungnahmen sind unvollständig, Papiere müssen nachgereicht werden, wichtige Dokumente erhält unser Anwalt über merkwürdige Umwege (wer auch immer dafür den Hut auf hat), usw. Hinzu kommt, dass sich die Mühlen der Justiz fast rückwärts drehen. Die Jahre verrinnen unbarmherzig.
Für eine normale Trauerarbeit wäre es hilfreich, würden die rechtlichen Angelegenheiten für alle Zeiten geregelt sein. Doch solange niemand die Verantwortung für den Tod von 149 Menschen übernimmt, ungeklärt bleibt, welche Fehlverhalten/Schlampigkeiten von welchen Personen zur Katastrophe führten, bin ich unfähig, all das Schreckliche, was geschehen ist, in meinem Inneren so zu steuern, dass ich Ruhe finden könnte.
Aufklärung hat etwas mit Respekt und Wertschätzung gegenüber unseren toten Lieben und deren Angehörigen zu tun. Aus den Ergebnissen müssten Konsequenzen gezogen werden, um die Wiederholung solch eines Verbrechens zu vermeiden. Ob hierfür Alkohol- und Drogenkontrollen der Piloten ausreichen, bezweifle ich. Letzteres betrifft auch mehr die Außenstehenden, mein Kind ist schon tot.
Nicht einmal das kleine Wörtchen „Entschuldigung“ ist den Bossen des Lufthansa-Konzerns bisher über die Lippen gekommen. Allerdings würde das der Wahrheitsfindung nicht helfen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre es allemal.
Im günstigsten Fall sollten die Verantwortlichen der Germanwingskatastrophe vor Gericht stehen. Das wäre folgerichtig, ist jedoch unwahrscheinlich.
Jens soll Recht widerfahren. Das sind wir ihm schuldig.
Und so bleiben wir bis zu irgendeinem Ende bei den juristischen Auseinandersetzungen dabei. Es wäre nur Pech, wenn es unser eigenes sein würde.
Bis dahin werden uns die Enkel den Lebensrest versüßen.
© Brigitte Voß


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