Ich lese mein Geburtstagsgeschenk, ein Buch von Mariana Leky mit dem Titel „Was man von hier aus sehen kann“. Die Handlung: Stets wenn Oma Selma aus dem Westerwald von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf. Der Tod, das Leben, die Liebe und der Buddhismus sind Schwerpunkte des Romans, der in einer Sprache geschrieben ist, wie ich sie vorher niemals gelesen habe. Die schrulligen bis einfältig wirkenden Charaktere der Dorfgemeinschaft, die in Wirklichkeit vor kluger Lebensweisheit strotzen, muss man einfach liebgewinnen.
Was mir gewisse Schauer über den Rücken jagt, sind folgende Textstellen:
„Elsbeth deutete auf das Efeu. „Ich will das Zeug eigentlich abschneiden, aber eigentlich auch nicht“, murmelte sie. Die Gartenschere lehnte am Stamm des Apfelbaumes.
„Und was spricht dagegen?“, fragte ich.
„Efeu ist manchmal ein verzauberter Mensch“, erklärte Elsbeth, „und wenn der Efeu die Baumkrone erreicht hat, ist er erlöst.“
„Apropos Aberglauben“, begann ich.
„Die Frage ist jetzt“, sagte Elsbeth, „erlöse ich den Menschen oder den Baum?“
Der Efeu umrankte bereits den oberen Teil des Baumes.
„Ich würde mich für den Baum entscheiden“, sagte ich. „Wenn es ein Mensch ist, ist er ja schon über die Hälfte erlöst. Das ist mehr, als man von uns allen sagen kann.““
Danach begann sie zögerlich das Efeu abzuschneiden.
„…sie entschuldigte sich bei jedem Schnitt bei dem womöglichen Menschen, der das Efeu war..“
Merkwürdigerweise standen wir erst vorgestern vor einer ähnlichen Entscheidung:
Dicht neben unserem Wohnwagen auf dem Dauercampingplatz steht eine alte Eiche. Sie hatte uns stets Schatten gespendet, indem sich ihr verzweigtes Astwerk mit seinen Blättern wie ein Dach über die Stühle ausbreitete. Außerdem sah es hübsch aus. Den Baum hinauf rankten sich Efeuflechten, deren einst zarte Triebe sich im Laufe der Jahre zu dicken, hölzernen Geflechten entwickelt hatten. Sie krallten sich mit ihren kleinen Wurzeln in die Rinde, wobei sie den Baumstamm fest umschlangen, um in die Krone klettern zu können.
Wir hatten bis dahin angenommen, dass das Zusammenleben zwischen Efeu und Eiche gut funktioniert, denn die Natur denkt praktisch. Aber seit vergangenem Jahr bleibt das über unseren Köpfen schwebende Astwerk blätterlos und hängt schlaff herab. Bei genauerem Hinsehen entdeckten wir, dass weitere kräftige Äste begannen, kahl zu werden. Die Kletterpflanze rückte als egoistischer Schmarotzer, der uns die Eiche nehmen wollte, ins Blickfeld. Sollte der geliebte, alte Baum sterben? Oder der dekorierende Efeu, dessen dicker Stamm mich beeindruckte, da auch er von zahlreichen Lebensjahren erzählte? Ließen wir ihn am Leben, würde offensichtlich der Baum erwürgt. Einer musste dran glauben. Trotzdem …, beide Gewächse hatten Jens und seinen Bruder in der Natur aufwachsen sehen. Obwohl wir die Eiche mit ihrem Efeu kaum noch wahrgenommen haben, weil sie stets vor Ort waren, sind sie treue Begleiter gewesen.
Als nun mein Mann kurzerhand zur Säge griff, um den fetten Verbindungsstamm des Efeus mit der Erde zu durchtrennen, bekam ich ein schlechtes Gewissen, das anhält. Der Efeu wird nun keine Nährstoffe aus dem Boden ziehen können und einen langsamen Tod erleiden.
Und jetzt, nur wenige Tage nachdem wir ihn gekappt haben und ich mit Schuldgefühlen kämpfe, gegen die sich mein Verstand sträubt, lese ich diese Textstelle in dem Geburtstagsgeschenk.
Ist es ein Zeichen? Und was möchte es mir sagen, oder ist es nur ein Zufall? Herausbekommen werde ich das nie.
Vielleicht nehme ich die Umwelt nur anders wahr, sensibler als vor der Katastrophe?
Egal, was die Ursache für solch eine Aufeinanderfolge ist, sie ist seltsam.
© Brigitte Voß
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