29.08.2018, Mittwoch – Abschiednehmen

Heute, vor siebzehn Jahren, starb mein Vati. Damals kannte ich nichts Schlimmeres. Mit genau diesen Gedanken im Kopf betreten mein Mann und ich das Bestattungsinstitut.
Wir sitzen vor der Mitarbeiterin, mit der wir nach dem Flugzeugabsturz die Beerdigung unseres Kindes geregelt hatten. Sie hatte sich wegen der verzögerten Überführung des Sarges aus Marseille leidenschaftlich für uns eingesetzt. Das werde ich ihr nie vergessen. Sie führte diesbezügliche Telefonate mit entsprechenden Verantwortlichen, die sie nicht kannte, und kämpfte sich sogar in englischer Sprache durch.
Mittlerweile weiß ich, dass wir unter den Angehörigen (auch den internationalen) die letzten waren, die ihren toten Lieben in Empfang nehmen konnten. Die Ursache hierfür ist unklar. Es war so quälend!
Sie erkennt uns auf Anhieb. Wir besprechen die Beerdigung für die Schwiegermutti. Die Bestatterin reagiert weniger empathisch, als ich sie im Fall von Jens erlebt hatte. Jetzt handelt es sich für sie um einen normalen Tod, der im Alter zwangsläufig eintritt. Täglich wird sie mit ihm konfrontiert. Sie sagt: „So wie Ihr Sohn sterben musste, das relativiert alles.“
Ich fühle mich zutiefst verstanden.
Wir legen den Termin für die Beisetzung fest, suchen eine Urne sowie den Grabschmuck aus und sprechen über die Musik, die zur Trauerfeier gespielt werden soll. Je älter man wird, desto mehr kennt man sich in derartigen Dingen aus. Da wir genaue Vorstellungen über den Ablauf haben, wünschen wir denselben Trauerredner, der bereits zur Beerdigung meiner Mutti und der von Jens gesprochen hatte. Er war stets frei von künstlich geschürter Gefühlsduselei. Er fand die richtigen Worte, weil er die Fähigkeit hatte, sich sensibel in das Leben anderer zu versetzen. Die Bestatterin greift sofort zum Telefon. Leider ist sein Kalender mit Terminen ausgefüllt. Wir finden das ungemein schade. Sie empfiehlt uns einen passenden Ersatz.
Mein Mann wünscht, seine Mutti unbedingt noch einmal zu sehen. Das hatten wir im vorab mit dem Institut geklärt. So wird uns jetzt die Möglichkeit gegeben, einen letzten Abschied zu nehmen.
Thomas ist mittlerweile von der Arbeit zu uns gestoßen.
Sie liegt in einem aufgeschlagenen Sarg, der sich hinter Glas befindet. Es ist nicht das erste Mal, dass ich vor einem/einer Toten stehe. Beim Sterben meines Vatis war ich dabei und als meine Mutti gestorben ist, informierte man mich sofort. Auch sie lag im Bett, in dem sie verstorben ist. Sie fühlte sich noch warm an. Es war, als schliefe sie.
Die Schwiegermutti sieht extrem abgemagert aus. Ihre Wangen sind eingefallen. Sie hat ihr Leben gelebt. Es war nicht leicht als geschiedene und daher berufstätige Frau, zwei Söhne aufzuziehen, wobei der eine im Alter von vierzehn Jahren nach einer Blinddarmoperation starb. Nie sprach sie darüber. Der Alltag ging unerbittlich weiter und nahm keine Rücksichten …
Einige Male habe ich den Eindruck, als ob sich ihr Brustkorb heben und senken würde, so als atmete sie. Ich schärfe meine Konzentration, um mich vom Gegenteil zu überzeugen.
Es geschieht, was kommen muss. Jens schiebt sich dazwischen. Ich kann an nichts anderes mehr denken: Sein Körper war zerschmettert, und wir haben davon erschreckend wenig zurückerhalten. Warum war ihm nicht vergönnt wenigstens seine natürliche Hülle zu behalten, auch im Tod wie ein Mensch auszusehen?! Mir ist klar, dass sie nur ein vorübergehender Schein ist und nach dem Ableben zerfällt. Für jedes verstorbene Lebewesen trifft das zu. Und trotzdem …
‚Kann ich denn nicht einmal hier, in diesem Raum, in voller Andacht bei der Schwiegermutti sein?‘, hadere ich mit mir selbst.
Während mein Verstand wenig hilfreiche Gedanken produziert, sind mein Mann und Thomas total traurig. Sie war eine gute Mutter und Oma. Sie liebte Kinder über alles.
Wir unterhalten uns noch eine Weile mit der Bestatterin, bevor wir uns verabschieden. Das Beerdigungsinstitut hat schon lange seinen Schrecken für mich verloren.
© Brigitte Voß


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar