26.08.2018, Sonntag – traurige Nachrichten

Wir erhalten gehäuft Negativnachrichten. Vor wenigen Tagen teilte uns meine Freundin mit, dass ihre Tochter die ungeborenen Zwillinge verloren hat.
Ein zweites Kind war zwar geplant, jedoch die Ärzte entdeckten zwei. Trotzdem hatte sich das Paar gefreut. Jetzt sind sie gestorben, ohne das Licht der Welt erblickt zu haben. Wir sind geschockt, kennen wir doch die Familie gut …
Wir besichtigten den Friedhof, der die Kirche St. Laurentii in Süderende auf der Insel Föhr umgibt. Mich interessieren die Grabsteine. Sie eröffnen über kürzeste Kurzbiografien, die ein Steinmetz in vergangener Zeit hineingravierte, Einblicke in das Leben der Verstorbenen. (siehe Beitrag: 31.10.2015, Sonnabend – die sprechenden Grabsteine)
Auf dem nebenstehenden Stein entziffere ich folgende Stelle:

… von seinen 9 Kindern, vier aus der 1. Ehe und 5 aus der 2. Ehe, sind 7 vor ihm ins Grab gesunken, doch war es ihm vergönnt, an der 3. Hausfrau eine langjährige Gehülfin zu finden, von 1846 bis zu seinem Lebensende. Diese hatte ihren ersten Gatten, Brar Braren aus Oldsum, nach 15 jährigem Ehestande verloren, und von den 8 Kindern, die sie ihm gebar, hat sie 5 ins Grab sinken sehen …

Die Kindersterblichkeit war zu jener Zeit hoch. Die Ursachen liegen wohl darin, dass die hygienischen Verhältnisse miserabel waren und der Wissensstand der Medizin im Vergleich zu heute ein niedrigeres Level aufwies.
Wie haben die Eltern den Tod der so zahlreichen eigenen Kinder verkraftet? Insbesondere die Frauen? Sie haben sie ausgetragen, geboren und erzogen, hatten sie stets um sich herum, weil sie Hausfrauen waren. Und dann sterben sie der Reihe nach weg. Das muss furchtbar gewesen sein! Reicht die Lebensenergie aus, um über so viele Verluste zu trauern? Sind wir gar verweichlicht?
Mit dem Seniorenheim stehen wir täglich in Verbindung. Der Gesundheitszustand der Schwiegermutti ist unverändert. Sie isst und trinkt nach wie vor wenig und liegt im Bett. Die Pflegekräfte nehmen sich für die Telefongespräche mit meinem Mann jede Menge Zeit. Sie wollen uns informieren, sobald sich ihre Situation dramatisch verändert. Wir hoffen zwar, dass sie sich wieder aufrafft, doch leben wir auf Abruf.
Meist war sie bei guter körperlicher Verfassung, die letzten Monate etwas schwach, aber stabil. Nur ihr Geisteszustand lässt aufgrund der Demenz seit Jahren zu wünschen übrig. Sie ist 95 Jahre alt und damit auf Abbau und Ende programmiert. Mit zunehmenden Alter essen die Menschen immer weniger, bis sie eines Tages nichts mehr zu sich nehmen und sterben, sofern der Tod nicht durch Krankheit oder andere Ursachen eintritt. Das ist der normale Gang des Lebens. Warum ist Jens vor seiner Zeit gestorben?
Brechen wir die Kur ab?Wir sitzen im Strandkorb. Ich sehe aufs Meer und mein Mann liest Zeitung. Eine Nachricht trudelt auf dem Telefon ein. Sie ist von einer Freundin. Ihrem Partner geht es sehr schlecht. Er liegt rund 600 km entfernt von ihr in einem Krankenhaus. Sein Gesundheitszustand ist seit einigen Monaten besorgniserregend. Bisher hat er sich stets aufgerappelt, doch jetzt geben die Ärzte keine Hoffnung mehr. Er leidet an Diabetes und Krebs. Sie wird zu ihm fahren und uns auf dem Laufenden halten. Ich hoffe aus tiefster Seele, dass er es trotz aussichtsloser Prognose übersteht. Ich bin traurig. Das Herz klopft laut.
Ich stehe wie unter Strom.
Mein Mann macht mir ebenfalls Sorgen. Am Vormittag hat er sich wie aus heiterem Himmel extrem schwach gefühlt. Wir waren gerade unterwegs, sodass er froh war, eine Bank zum Ausruhen gefunden zu haben. Es dauerte einige Minuten, dann war der Spuk vorbei.
Wir sitzen weiterhin im Strandkorb. Die Sonne steht tief.
Das Telefon meines Mannes läutet. Das Seniorenheim! Die Angestellte teilt uns mit, dass seine Mutti am Vormittag verstorben ist. Sie sei ruhig und ohne Schmerzen vom Schlaf in den Tod hinübergeglitten …
© Brigitte Voß


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Ein Gedanke zu “26.08.2018, Sonntag – traurige Nachrichten”

  1. Ich habe mich auch gefragt, wie die Eltern, besonders die Mütter, es damals verkraftet haben , so viele Kinder zu verlieren. Habe in Ulm mal das riesige Grabmal einer reichen Familie gesehen, die hatte innerhalb eines einzigen Jahres (!) Vier (!!!) Kinder verloren. Ich würde aus dem Schreien nicht mehr herauskommen, aber damals waren die Menschen erstens gläubiger und der Tod war viel gegenwärtiger, und sie sagten sich nach der ersten Aufregung wohl: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen.“ Manche Gegebenheiten nahmen sie schicksalhaft hin, während wir heute, die wir immer glauben, wir und niemand sonst steuere unser Schicksal, uns zu aller Trauer auch noch Vorwürfe machen: „Ja hätten wir nicht XY entschieden oder hätten wir statt des Tages XX den Tag YZ für diese Handlung ausgesucht, es wäre ganz anders gekommen.“ Wir haben eben nicht alles unter Kontrolle, und ob eine Entscheidung gut oder schlecht war, wissen wir nie vorher. Wie es in Mozarts Wiegenlied heißt: „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt…“ Wir müssen uns vor Augen halten, dass wir, nach dem Kenntnisstand des jeweiligen Augenblicks, richtig gehandelt haben. Wir sind in Gottes Hand, auch wenn wir denken, wir haben alles unter Kontrolle – das kann auch eine Entlastung und ein Trost sein.

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