Heute ist der Geburtstag unseres verstorbenen Jens. Der behandelnde Klinikarzt hat uns für den heutigen Tag von allen Therapien freigestellt, worüber ich erleichtert bin. Er ist voller Mitgefühl.
Bevor wir durch den Ort zur Fähre laufen, ruft mein Mann im Seniorenheim an, um zu erfahren, wie es seiner Mutti geht. Sie isst und trinkt zu wenig. Da sie schwach ist, hat man sie ins Bett gelegt. Obwohl sie palliativ behandelt wird, meint die Pflegerin, wir sollten die Kur nicht abbrechen. Sie könne nichts beschwören, doch habe sie Fälle erlebt, in denen sich ihre Patienten erneut aufgerafft hätten. Ich weiß, dass meine Schwiegermutti eine zähe Frau ist, die den Stürmen des Lebens eindrucksvoll getrotzt hat. Würde es wieder so sein?
Zumindest beschließen wir, heute in Ruhe unseres Jens zu gedenken. Wir nehmen die Fähre nach Amrum, die wir vor neunzehn Jahren mit den Kindern das erste Mal betraten.
Wie damals steigen wir in den Bus zum Leuchtturm. Wie damals möchten wir von oben die Aussicht bestaunen. Aber die Zeit ist knapp, denn gegen Mittag wird er geschlossen. Und so rennen wir über die Straße zum Ticketschalter. Weitere Urlauber, die dem Bus entstiegen sind, stürmen uns hinterher. Die Öffnungszeiten des Turmes sind den Abfahrtszeiten der Fähre aus Wyk nicht angepasst. Am Einlass drängt der Kartenverkäufer, wir sollen uns beeilen, er würde gleich schließen wollen. Ein Kunde verliert die Nerven und rastet aus. Er ballt die Fäuste. Böse Worte fliegen hin und her. Ich verstehe nicht, wie man sich wegen solch einer Nichtigkeit dermaßen aufregen kann. Es ist zwar ärgerlich, weil wir auf die Zeiten des Schiffs angewiesen ist, doch es gibt Schlimmeres. Außerdem dürfen wir noch hinauf.
Oben ist es recht stürmisch. Der eben klare Himmel ist plötzlich wolkenverhangen. Der Ausblick auf die grandiose Dünenlandschaft wirkt auf mich exotisch. In Gedanken steht Jens neben mir und lacht verschmitzt in die Ferne. Die Sonne hat eine Tarnkappe aufgesetzt.
Später lassen wir uns nahe dem Leuchtturm unter einem Baum nieder, den wir nach einigen Diskussionen wieder erkannt haben. Es ist derselbe, der uns damals Schatten spendete. Ich sitze etwa auf der Stelle, denn die Blickrichtung habe ich in Erinnerung. Ein quicklebendiger Jens war dabei.
Ob der Baum irgendetwas spürt? Die Traurigkeit, die uns umgibt? Ein Erkennen?
Ich bin nachdenklich, aber gefasster als gestern. Der Tag ist da und wir sind mittendrin.
Wir stapfen durch den Kniepsand nach Wittdün, wo sich der Fährhafen befindet.
Der Küstenstreifen ist an einigen Stellen 1,5 km breit. Denkt man sich das Wasser weg, stellt sich das Gefühl ein, in einer Wüstenlandschaft zu sein. Wir laufen barfuß und in Gedanken versunken an der Wasserkante entlang – Hand in Hand. Die Wellen dröhnen uns ihre Schaumkronen entgegen. Es ist nicht kalt.
Ich finde einen Stock und zeichne seinen Namen in den nassen Sand. Zufrieden betrachte ich das Werk. Nach 2½ Stunden erreichen wir Wittdün und haben Zeit mit einem „Manhatten“, einem Cocktail, der es in dieser Region besonders in sich hat, auf Jens anzustoßen.
Auf der Fähre checke ich die zwischenzeitlich eingetrudelten Nachrichten auf dem Telefon. Thomas hat uns Fotos vom Grab geschickt, wo er mit seiner Familie war. Sie haben es schön gestaltet.
Meine Freundin und ihre siebenjährige Tochter haben ebenfalls Jens auf dem Friedhof besucht. Sie hatten ein merkwürdiges Erlebnis.
In der E-Mail schreibt sie:
„ … Als ich am Grab war, habe ich Musik für Jens abgespielt. Ich weiß ja nicht, was er mochte. Ich habe ihm „Schwanensee“ ausgesucht und „Wish you were here“ von Pink Floyd. Letzteren habe ich ihn mehrfach vorgespielt. Ich denke, dass die Menschen beide Songs am meisten mögen. Anschließend sind wir in die Stadt gegangen. Dort trafen wir auf einen Straßenmusikanten und du wirst es nicht glauben, er spielte genau diesen Song von Pink Floyd. Ich habe Gänsehaut bekommen.“
Die Nachricht erwärmt mein Herz. Natürlich ist es für mich ein Zeichen, ein besonderes Zeichen von Jens.
Ich antworte sogleich:
„Das ist wirklich ein seltsames Erlebnis. Es ist, als hätte sich Jens über den Song gefreut und euch über diesen Straßenmusikanten geantwortet.“
Nach dem Abendbrot fahren wir an einen Küstenstreifen in der Nähe von Nieblum. Am Dünenrand breiten wir eine Decke aus und stellen das Foto von Jens in den Sand. Gegenüber erkennen wir die Insel Amrum, die wir heute besucht haben.
Es ist schwierig, die Grabkerze anzuzünden, da sie der Wind ständig auszupusten droht. Die Idee, sie mit einer Plastiktüte zu schützen, erweist sich als erfolgreich.
Die wenigen Wolken verzaubern den Sonnenuntergang und geben ihm einen besonderen Reiz. Der Glutball taucht ab und lässt einen flammenden Himmel zurück, der sich Zeit nimmt, in der Dunkelheit zu verschwinden.
Wir stoßen mit einem Riesling auf den Geburtstag von Jens an. Keine Menschenseele weit und breit. Der Wind fegt durch die Haare. Es ist Ebbe, und das Geschnatter der Vögel, die sich im Watt sammeln, um zu futtern oder sich auszuruhen, hallt zu uns herüber.
Die Umgebung verdunkelt sich. Wir sitzen, genießen den Wein und plaudern von Jens. Er feiert mit.
© Brigitte Voß
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