16.08.2018, Donnerstag – der vierte Geburtstag ohne Jens

Lieber Jens,
Heute hast du deinen 41. Geburtstag, und wir wünschen dir alles nur erdenklich Gute, wo immer du auch bist.Ich stelle mir vor, wie ich dich als alten Mann bezeichnen würde, wärest du noch am Leben. Natürlich würdest du dagegen protestieren. Fröhliche Sinnlos-Dialoge würden folgen, die wir mit Genuss ausdehnen würden. Wir hätten so viel Spaß.
Wäre, würde, hätte – die Konjunktive, die irreale Wünsche, Vorstellungen und Träume ausdrücken, begleiten mich intensiver als je zuvor. Ich hasse sie, weil du sterben musstest. Es war nicht deine Entscheidung …Oft betrachte ich das Foto, das bei uns an der Wand hängt. Es ist in der besseren Zeitrechnung aufgenommen. Damals habe ich nie gedacht, dass genau diese Aufnahme, die aus dem Moment heraus erfolgt ist, ein Erinnerungsbild an dich werden wird, das mir die Tränen in die Augen treibt. Niemand hat auch nur einen Funken Ahnung gehabt, was dir einige Jahre später Schreckliches zustoßen wird.
Dein Gesicht, das mir aus dem Foto entgegenlächelt, zieht mich magisch an.
Es tut so weh, dass du nicht wieder kommst. Manchmal will mir das erst jetzt bewusst werden. Und das ist zutiefst schwer, obwohl ich weiß, dass du tot bist. Gefühle sprechen eben eine andere Sprache als die verdammte Logik.Schmetterlinge, Regenbögen und ähnliche Erscheinungen, sind neben den Erinnerungen und den Fotos das Einzige, was uns von dir bleibt.
Du kannst über die Natur mit uns kommunizieren. Zumindest bilden wir uns ein, dass du gewisse Zeichen gibst. Aus dem Nichts auftauchender heftiger Wind, tiefrote Sonnenuntergänge, merkwürdige Zufälle oder Begegnungen erklären wir als Grüße von dir. Wir sprechen ihnen eine Bedeutung zu. Es ist hilfreicher als diese Leere. Vielleicht legen wir uns das nur zurecht, damit wir ein Quäntchen Trost finden, damit die Schwere nicht ganz so schwer ist? Jedenfalls erhoffen wir, dass du nach deinem Tod in irgendeiner Form weiter existierst und dich über derartige Phänomene mit uns in Verbindung setzt. Fraglos liegen Hoffnung und Zweifel dicht beisammen. Alles wäre gut, wenn du mit voller Lebenskraft vor uns stehen könntest. Einfach so wie früher.
Wir freuen uns über jeden Schmetterling, den du aus der anderen Welt schickst.
Dir wird wohl nicht entgangen sein, dass ich zügellos Klamotten kaufe, auf denen die Flattertiere abgebildet sind. Sogar auf unserer Bettwäsche prangen die farbigen Insekten. Wärest du noch unter uns, würdest du abfällige Bemerkungen darüber machen, es als Kitsch abtun. Du weißt, in der besseren Zeitrechnung hätte ich das auch getan. Aber jetzt haben sich mein Leben und deine Daseinsform verändert.
Deine kleine Nichte trägt Kleidchen und T-Shirts, auf denen Schmetterlinge zu sehen sind. Ich erfreue mich an dem Anblick, denn nie haben ihre Mama und ich uns über ihre Symbolhaftigkeit ausgetauscht.
Nimmt die Traurigkeit überhand, glänze ich mit Schmetterlingsgedichten und banne sie in eigene Aufnahmen, auf denen, wie kann es anders sein, Schmetterlinge abgelichtet sind.Ich falte Origami-Schmetterlinge und beglücke damit die Familie, Freunde und Bekannte, die vielleicht innerlich die Augen verdrehen. Natürlich liegen sie überall in unserer Wohnung herum. Das ist meine aktive Art mit dir zu kommunizieren. Außenstehenden mag das etwas abartig vorkommen. Mich tröstet es, und der Umgang mit den bunten Papieren beruhigt.Regenbögen, werden genauestens begutachtet und zig-fach fotografiert. Komischerweise offenbaren sich uns, seitdem du mit dem Flugzeug abgestürzt bist, die wunderbarsten Regenbögen. Sie können nur von dir stammen.
Ja, lieber Jens, was würdest du wohl über deine traurigen Eltern sagen. Wir strengen uns an, doch um uns scheint sich die Welt in einem andersartigen Rhythmus zu drehen. Oft fühle ich mich fremd unter den Mitmenschen, weil sie so normal reagieren und ich andere Wichtungen habe.
Du würdest wollen, dass wir an deinem Geburtstag lachen. Wir geben uns Mühe. Versprochen!
Vielleicht sitzen wir am Abend mit einer Kerze und deinem Foto am Strand der Nordsee und stoßen auf dein Wohlergehen an. So bist du für uns mit dabei.

Wir umarmen dich ganz fest und lassen dich niemals los.

Deine Ellis, die dich unendlich vermissen


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Ein Gedanke zu “16.08.2018, Donnerstag – der vierte Geburtstag ohne Jens”

  1. Dass die Schmetterlinge euch die Kommunikation mit Jens ermöglichen finde ich so wunderschön…dass sie ein so bedeutsames Symbol geworden sind…wie eine Brücke…man braucht etwas Greifbares…die eigene Seele sucht permanent nach der Seele die man so unendlich vermisst… man sucht und findet in der Natur… und der Mensch bleibt für immer bei einem … ein Zitat das ich sehr liebe: „I will always carry you in centers of what I am.“ ♡

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