15.08.2018, Mittwoch – vom Anderssein

Ein Lichtblick an unserem Essenstisch ist aufgetaucht.
Bisher war ich jedes Mal froh, wenn die gemeinsamen Mahlzeiten vorbei waren. Ich kann mit den Mitessern, die ausgerechnet mit uns zusammen am Tisch sitzen, nichts anfangen und sie offensichtlich nichts mit mir. Wie auch. Ihre Gesprächsthemen, falls überhaupt vorhanden, drehen sich darum, wie sie sich heroisch vor Therapien drücken oder wie schlecht das Essen wieder ist. Ich hingegen finde, es ist okay und teilweise exzellent. Ewiger Meckerer sind, vor allem seit Jens sterben musste, mehr denn je ein Gräuel. Ernstgemeinte Ansichten wie „Vegetarier sind allesamt Terroristen“, wirken umso seltsamer, wenn derjenige, der sie vertritt, häufig vegetarische Gerichte verspeist. Die Dame, die neben mir sitzt, kommt aus der Eifel, ist weltfremd und mustert mich oft mit merkwürdigem Blick. Soweit ich auf ihre Äußerungen reagiere, sage ich Dinge, die sie offensichtlich irritieren.

Storch im Watt

Aber seit einigen Tagen hat sich die Situation geändert, denn ein Neuzugang wurde neben meinen Mann platziert. Bereits seine Kleidung kündet vom Anderssein. Grüne Pumphosen, Shirts in auffallenden Farben meist in Rot, Gelb und Grün, so auch die Sportsachen, fallen automatisch auf. Doch damit ist es nicht genug. Die sichtbare Haut ist voller farbenfroher Tätowierungen. Er hat uns anvertraut, dass es unter der Bekleidung nicht anders aussieht. Nur sein Kopf soll weiterhin in natura bleiben. Er hat keine Scheu, kurze bunte Hosen zu tragen, aus denen die kolorierten Beine hervorstechen. Er nennt sich Hehe und trägt seine Biografie in die Haut gestochen mit sich herum. Jedes Bild symbolisiert eine bedeutende Etappe/Erfahrung seines Lebens. Er schreibt keine Tagebücher, sondern lässt sie farbig in den Körper stechen oder sticht eigenhändig. Anpassung war offensichtlich nie sein Fall. Die Motive auf der Haut künden auf den ersten Blick von Rebellion, Nichtanpassung, Revolution, Nicaragua, Anarchismus, Knast … Er ist intelligent. Nach eigener Aussage hat er sich selbst therapiert. Offenbar ist es ihm gelungen, ohne seine linksrevolutionären Anschauungen über den Haufen werfen zu müssen.
Er ist auf eine andere Weise anders für die rechtsstaatliche deutsche Gesellschaft, als wir es durch den Flugzeugabsturz und die negativen Erfahrungen danach geworden sind. Wir können gut miteinander.
Für die Opfer-Angehörigen, die wir hier getroffen haben, ist die Kur leider beendet. Hin- und wieder gingen wir gemeinsam in eines der vielen Restaurants oder Cafés, die Wyk zu bieten hat. Die Begegnungen ließen stets ein beruhigendes Gefühl in mir zurück, denn wir konnten uns ungehemmt austauschen, was mit Außenstehenden ein Ding der Unmöglichkeit ist. Entweder können sie sich nicht vollständig in uns hineinverdenken, weil sie die Germanwings-Katastrophe aus der Zuschauerposition heraus kennen und nicht selbst mit all ihren Folgen auf Körper und Seele erlebt haben, oder sie blocken von vornherein ab.
Die Lebensgefährtin des Angehörigen, ich nenne sie mal Sieglinde, hat kurz vor der Abreise an einem Lachyoga-Kurs teilgenommen.
„Lachen ist gesund“, wer kennt diesen Ausspruch nicht. Lachen andere, lacht man oft automatisch mit. Es steckt an. Manchmal steigern sich die Beteiligten derart hinein, dass sie nahezu unfähig sind, aufzuhören.
Ich erinnere mich: Es geschah vor einem Jahr im Ausland in einer Eisdiele. Am Nachbartisch saß ein junges Mädchen, ich vermute mit den Eltern. Es musterte mich neugierig. Sie grüßte keck. Sofort lächelte sie scheu und schlug die Augen nieder. Ich nickte zurück und ließ ein freundliches „Salam“ ertönen. Offensichtlich war sie überrascht, blickte auf und kicherte. Ich stimmte ein. Sie lachte heftiger, ich auch. Es schaukelte sich hoch, bis wir uns gar nicht mehr anschauen konnten, ohne loszuprusten. Meine Begleiter und ihre Eltern schauten uns seltsam an. Es nützte nichts, uns liefen die Tränen vor Lachen. Einen erschöpfenden Grund gab es dafür nicht. Irgendwann ebbte es ab. Ich fühlte mich leicht, erlöst, regelrecht entspannt.
Zunehmend kamen die Selbstvorwürfe: Wie kannst du dich in deinem Alter nur so albern benehmen! Dein Sohn ist tot, und du lachst derart ausgelassen!??? Es war krass.
Sieglinde besuchte den Kurs, um zu sehen, wie Lachyoga funktioniert und ob es in ihrem Fall wirken würde.
Als ich sie das nächste Mal traf, berichtete sie, dass die Teilnahme zwecklos war. Sie konnte nicht auf Kommando lachen.
Mir wäre es ebenso so ergangen. Bereits Witze entringen mir nur noch ein müdes Lächeln. Trotzdem können wir entsprechend unserem jeweiligen Gemütszustand lachen. Nur muss es spontan erfolgen, aus einer Situation heraus. Für mich trifft das seit dem Mord an Jens mehr denn je zu.
Der 95-jährigen Mutti meines Mannes geht es nicht gut. Thomas hat sie besucht. Sie habe ihn im ersten Moment erkannt und etwas später gesagt, er könne wieder gehen. Sie würde schlecht aussehen und liegt im Bett. Wir überlegen, ob wir die Kur abbrechen. Hinzu kommt, dass morgen der Geburtstag unseres toten Jens ist.
Die Welt steht Kopf.
© Brigitte Voß


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