14.08.2018, Dienstag – Psychokram

° EINHUNDERTSIEBENUNDSIEBZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Irgendwie stimmt mit mir etwas nicht. Ich bin voller Anspannung. Hinzu kommt, dass der Geburtstag von Jens mit Riesenschritten naht. Er wirft seine Schatten voraus.
Ich bin traurig, gereizt und lege jedes Wort auf die Goldwaage, besonders wenn es von den Psychologen der Klinik stammt. Ich vergleiche ihre Meinungen mit meiner Situation, obwohl ich weiß, dass das nicht richtig ist. Slogans wie beispielsweise heute in der Gruppe Achtsamkeitstrainig, „Die Geschichte ist Vergangenheit“, stoßen mir unangenehm auf. Sie sind regelrecht verstörend.
Ich kann nicht vergessen, dass Jens ermordet wurde. Sein wertvolles Leben gehört der Vergangenheit an. Soll ich das vergessen?
Ich kann nicht vergessen, dass der Staatsanwalt kurzerhand die Akte geschlossen hat, weil er keinen Ermittlungsbedarf mehr sieht, obwohl es sich um den zweitgrößten Massenmord in der neueren deutschen Geschichte handelt.
Ich kann nicht vergessen, dass Fehler im Sicherheitssystem der Lufthansa diese Katastrophe ermöglicht haben.
Ich kann nicht vergessen, wie Jens geboren wurde. Ich kann sein Leben nicht vergessen, durch das wir ihn begleiten durften. Es war nicht nur irgendeine Erzählung, es war Jens.
Bald hätte er seinen 41. Geburtstag. Aber er ist gestorben und mit ihm ein Teil von mir.
In dem Vorher finde ich beides wieder.
Ich habe gelesen, dass manche Personen, die einen Todesfall zu beklagen haben, in einer Scheinwelt leben würden, weil sie mehr dem Gestern zugewandt sind. Außerdem wäre es ein Hinweis auf eine Depression.
Aber für mich ist die Vergangenheit wichtig, sie ist Erinnerung an Jens, an die bessere Zeit. Ebenso ist sie ein Mittel der Verarbeitung, damit ich in der Gegenwart wieder häufiger lachen und optimistischer in die Zukunft sehen kann.
Eine andere Übung der Gruppe ist, sich in der Versenkung vorzustellen, was man gern hätte. Ich blocke innerlich ab und lasse den Gedanken nicht zu, Jens noch einmal lebendig in die Arme schließen zu können.
Oder, wir sollen Sprüche aufsagen wie, „Ich liebe mich“, beziehungsweise, „Ich höre auf meinen Körper“, wobei bestimmte Handbewegungen ausgeführt werden und dreimal tief ein- und ausgeatmet wird. Letzteres mit der sogenannten Lippenbremse, die den Sauerstoff länger im Körper zirkulieren lässt, und gut für die Atemwege sein soll.
Wozu das alles? Jede Sekunde kann etwas passieren. Dann war die Selbstliebe umsonst.
In der Therapiegruppe komme ich mir fremd vor. Es nehmen stinknormale Menschen teil, die von den alltäglichen Dingen gestresst werden. Sie stammen aus einer anderen Welt. Bin ich etwa ein Alien?
Ein Spruch aus dieser Gruppe ist jedoch in meinem Kopf hängengebliegen. Er stammt von Heinz Erhardt und lautet: „Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken.“
Ich muss schmunzeln.
Ich werde zukünftig jegliche Art von Gruppentherapien ablehnen. Ich glaube, für das, was ich erleben musste, sind sie nicht geeignet. Es müsste schon eine Gruppe sein, bestehend aus Eltern, die ihr Kind verloren haben, vielleicht gar durch eine Gewalttat. Doch wie viel Kinder werden jährlich in einer Stadt umgebracht?
In der Kurklinik möchte ich anonym bleiben.
Das Einzelgespräch bei einer anderen Psychologin verläuft allerdings nicht besser. Zunächst ist sie nicht vorbereitet. Sie wünscht, den Grund meines Hierseins zu erfahren, obwohl er in den entsprechenden Akten steht. Die Chemie stimmt zwischen uns beiden nicht. Ich habe das Gefühl, dass sie mit einer schlimmen Sache konfrontiert wird, der sie nicht gewachsen ist. Dass sie noch sehr jung ist, dürfte bei einem guten Seelendoktor keine Rolle spielen. Und so entstehen Schweigepausen. Ich zweifle, ob sie ermessen kann, was mich bedrückt.Das alles ist nicht so tragisch, denn die wahren Therapien finden mein Mann und ich in den ausgedehnten Wanderungen am Strand und im Watt, beim Erkunden der Ortschaften der Insel mit ihren historischen Kapitänshäusern, beim Radfahren auf dem Deich oder in der Marsch, usw.
Ein Anruf aus dem Seniorenheim trifft ein. Meiner 95-jährigen Schwiegermutti geht es schlecht. Sie zeigt Abwehrverhalten gegen alles, isst und trinkt nicht mehr …
© Brigitte Voß


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein Gedanke zu “14.08.2018, Dienstag – Psychokram”

Hinterlasse einen Kommentar