12.08.2018, Sonntag – das Meer

Wenn es die Gezeiten zulassen, gehen wir früh stets ins Meer. Das Wetter spielt dabei eine zweitrangige Rolle. Bisher war es trocken und heiß, sodass die Wassertemperatur ungewöhnliche 22 Grad aufweist. Trotzdem erfrischt es und spült die Morgenmüdigkeit fort.

Die Ebbe hat eingesetzt, das Wasser zieht sich zurück, wie ein Mensch, der aus welchen Gründen auch immer, seine Ruhe benötigt. Daher muss ich weiter als gedacht durch das Nass waten, bis es tief genug ist, um schwimmen zu können. Ich genieße jeden Schwimmzug, strecke den Körper und lasse mich, den Kopf mehr unter der Oberfläche als darüber, mit einem kräftigen Schwimmstoß nach vorn gleiten. Jens liebte das, was später zur Teilnahme an diversen Sportwettkämpfen führte.
Aus Sicherheitsgründen schwimme ich parallel zum Strand. Ich schaue zurück und erkenne, dass die Entfernung zu unserem Strandkorb größer ist als gedacht. Die Strömung hat ein leichtes Spiel mit mir. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, mich auf den Rücken zu legen. Die Ebbe zieht meinen Körper in die Weite des Meeres hinaus. Interessiert beobachte ich, was passiert. Panik kommt nicht auf. Der Gedanke, wenn ich mich jetzt treiben lasse, ende ich dort, wo Jens derzeit ist, ist übermächtig. Entweder lande ich im Leben danach oder im dunklen Nichts. Ich jongliere mit dieser Vorstellung und der Situation. (Es ist ein bizarres Spiel, wohl für den Leser kaum nachvollziehbar.) Mir wird kalt, ich habe Hunger und brauche meinen Kaffee, bevor die Atemübungen am Strand gemäß Therapieplan beginnen. Ich schwimme zurück und muss mich regelrecht anstrengen, denn die Strömung hinaus ins Meer ist stärker als gewohnt. Vielleicht hängt das mit dem Vollmond der letzten Nacht zusammen.
Nach der Ebbe kommt die Flut. Auch sie gehört zum Rhythmus der Ozeane, so wie bei mir die Rückkehr aus der Stille, aus der Weite der riesigen Wasserfläche. Ich hänge am Leben.

Ist das Meer wütend, überschwemmt es mit seinem Kommen die Küsten oder die umgebenden Ländereien. Manchmal gibt es sie nie wieder her. Es kann regelrecht überschäumen, zornig sein, wenn es Mond und Wind antreiben. Menschen verhalten sich nicht anders.
Der Strand ist ständig in Bewegung. Dünen entstehen, Dünen vergehen. Sturm und Meer bringen Steilküsten zu Fall, Inseln werden für immer überschwemmt, gewohnte Landschaften verschwinden. Neues entsteht. „Panta Rhei“. Nur zwei Worte beschreiben unser gesamtes Sein. Nichts bleibt, wie es einmal war. Alles ändert sich, alles ist im Fluss. Der alte Grieche Heraklit war genial.
Jens ist tot, er kommt nie wieder. Ist der Tod das Ende? Gemäß „Panta Rhei“ nicht. Es wird kein Schlussstrich gezogen. Umwandlung ist das Zauberwort.
Ich liebe das Meer.

Lange Strandwanderungen, am besten Barfuß und entlang der Wasserkante, wirken sich angenehm auf Seele und Körper aus. Rüttelt mich der Sturm durch, ist es gut. Wenn ich mich mit aller Kraft gegen ihn stemme, um voranzukommen, spüre ich, dass ich lebe – ich kämpfe. Presst er den Regen durch meine Sachen, sodass ich nass bis auf die Haut bin und vor Kälte zittere, genieße ich umso mehr die kuschelige Wärme danach. Die vom Unwetter aufgepeitschten Wellen klagen vom Leid des Meeres. Ich verstehe sie, ich kenne den Schmerz.
Plötzlich tauchen Nebelbänke oder Sandstürme auf und stehlen die Orientierung. Wie im wahren Leben, wenn ich nicht weiter weiß.
Kräuselt der Wind bei Sonnenschein liebevoll das Gewässer, entspanne ich, erheitert sich mein Gemüt.

Gern nehme ich an geführten Wattwanderungen teil. Mittlerweile kenne ich mich bestens mit Würmern, insbesondere Wattwürmern, Muscheln, Schnecken, Krabben und anderem wirbellosen Getier aus. Sie reinigen das Wasser. Ich habe Respekt vor ihnen.
Das Verhalten der Zugvögel ist immer wieder erstaunlich. Während sie fliegen, sollen sie mit einer Gehirnhälfte schlafen können. Wenigstens mit einer! Ich beneide sie.
In der Weite des Ozeans verliert sich der Blick. Lässt ungehemmtes Fernweh zu, Wehmut, Sehnsucht nach Jens. Die Tränen fließen leichter als daheim. Es ist gut so. Der Kummer muss heraus.

Golden taucht hinter dem Horizont die Sonne auf und läutet den Tag ein. Das Meer explodiert in glühenden Farben. Sie sind ein Wunderwerk der Spiegelung. Auf ihrer vorgeschriebenen Bahn, die zum Abend führt, lässt sie bei klarem Himmel das Wasser blitzen und blinken – ein Sternenmeer auf sich kräuselnden, sanften Wellen. Es erfreut mich und regt die Fantasie an.

Fahren wir nach Dunsum, auf die anderen Seite der Insel, können wir vom Deich aus in der Gesellschaft von Schafen den Sonnenuntergang beobachten. Wir bewundern die Farbenspiele in Orange, Gelb, Rot bis hin zum Violett, es sind die Farben des Feuers, die der sinkende, glutrote Ball um sich herum und auf dem Wasser erzeugt. Schließlich verschwindet er hinter dem Horizont, der Trennlinie zum Himmel. Bunte Grüße von Jens.

Die Dunkelheit ergreift die Macht. Auch jetzt entfaltet das Meer seine harmonische Kraft. Fahl schimmert der Mond im nächtlichen Nass. Er zeichnet einen silbrigen Weg, der sich im Horizont verliert – einen Weg zu Jens. Wenn ich nur auf der flüssigen Oberfläche laufen könnte. Ich bin nicht Jesus.

Das Rauschen der Wellen beruhigt und manchmal kann ich dadurch besser schlafen.
Regenbögen in maritimen Landschaften fesseln meine Aufmerksamkeit. Farbenfroh und gekrümmt erheben sie sich aus dem Nass zum Himmel. Für mich sind sie wie eine Brücke zwischen Geburt und Tod, ein Symbol des Übergangs vom körperlichen Dasein zur Seele, denn alles Leben kommt aus dem Meer.
Halbe Bögen, die vom Strand zum Wasser führen, oder, die im Halbkreis den Ozean umzingeln, finde ich faszinierend. Leider bekomme ich sie nie vollständig in ein Foto hinein.

Doppelbögen verdoppeln den Zauber.
Sehe ich einen Regenbogen, tauchen Erinnerungen an Jens auf. Sie sind bunt und voller Freude. Er liebte die Vielfalt der Farben. Vielleicht schaut er über den Bogen auf uns herab – ich liebe diese Vorstellung, die fern jeglicher Logik ist.
Im Winter 2015 sah ich auf der Insel Föhr folgende Lichterscheinung, die sich im Meer reflektierte.

Ich könnte bedeutend mehr über das Thema schreiben, beispielsweise über die gesundheitlichen Wirkungen des Meerwassers auf die Haut und die Atemwege, über seinen Geruch nach Salz und Tang, den ich mag, über die Steine, die am Strand herumliegen, und, und, und … Nicht zu vergessen sind die menschlichen Gefahren, die die Ozeane und damit all unsere Leben bedrohen. Sie sind wie ein tödlicher Bumerang.

Ich liebe das Meer und genieße es mit allen Sinnen. Es ist wie ein Lebewesen, das mit mir kommuniziert und mir versucht, zu helfen.
Es ist Balsam für meine Seele.
© Brigitte Voß


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