01.08.2018, Mittwoch – Ankunft auf der Insel

Die Kur auf der Nordseeinsel Föhr beginnt. Es ist heiß und außergewöhnlich trocken, sogar hier am Meer. Bei uns zu Hause hängen die Blätter der Bäume schlaff herab, und die Wiesen haben sich gelb verfärbt. Seit Wochen hat es nicht mehr geregnet …
Eine Verwaltungsmitarbeiterin der Klinik weiß Bescheid, wie es um uns steht. Irgendjemand muss ja die Papiere bearbeiten. Sie erinnert sich an unseren Kuraufenthalt im Jahr 2015 und freut sich ehrlich über das Wiedersehen.
Die Tragödie ist in den Köpfen der Mitmenschen generell noch vorhanden. Erst kürzlich habe ich auf einem wissenschaftlichen Onlineportal einen erstaunlichen Artikel gelesen, wonach das »kollektive Gedächtnis von Flugzeugabstürzen« ungefähr 45 Jahre anhalten würde. Wenn es denn stimmt, wäre das eine bemerkenswerte Zeit. Siehe: Allscienceglobe, Beitrag 5373: Wie lange erinnern wir uns an Flugzeugabstürze?“
Wir hieven die Koffer in den Fahrstuhl.
Im Sturmschritt nähert sich ein Mann, der zusteigt. Wir schauen uns erstaunt an, bevor eine freudige Begrüßung losgeht. »Was, ihr hier?«
Er ist wie wir Angehöriger der Flugzeugkatastrophe und trauert um seine Tochter, die in jungen Jahren sterben musste, nur weil sie mit der Germanwings-Maschine nach Hause fliegen wollte. Er ist schon zwei Wochen hier.Beim späteren Aufnahmegespräch fasst der Arzt meine Beschwerden zusammen und stellt fest, ich müsse wohl etwas geschont werden. Er ist empathisch und keineswegs abgebrüht, obwohl oder weil er früher todkranke Patienten behandelte. Eine ähnliche Anteilnahme habe ich von den Medizinern selten erfahren. Die meisten bevorzugen es, ihre Verschreibungszettel hervorzuholen und in schulmedizinischen Aktionismus zu verfallen. Nehmen sie sich die Zeit für Gespräche, drohen die Wartezimmer, auseinander zu bersten.
Da sich der Kurarzt so mitfühlend mit mir unterhält, schafft er es, dass ich in ein Melatoninpräparat einwillige, um die Schlafstörungen zu mildern. Es entstammt der Naturchemie und ist keines jener furchtbaren Psychopharmaka, mit denen mich Ärzte gern bombardieren wollen. Ich bin angenehm überrascht.
Außerdem gelingt es ihm, mich zu überzeugen, die Sprechstunde der Psychologin aufzusuchen. Allerdings bin ich der Meinung, dass vier Wochen einfach zu wenig sind, als das sich zwischen mir und ihr eine vertrauensvolle Stimmung aufbauen könnte. In meinem Heimatort bin ich nach wie vor in psychologischer Behandlung. Das Kennenlernen erforderte Zeit. So etwas muss wachsen.
Trotzdem stimme ich ihm zu, da er ausführlich mit mir redet.
Wir besprechen den Therapieplan. Ich möchte viel Bewegung an der frischen Meeresluft. Das ist kein Problem.
Zum Abendbrot bekommen wir unsere Plätze zugewiesen. Die großflächigen Fenster geben einen tollen Blick auf das Meer und den Strand frei. Leider oder zum Glück sehe ich nichts anderes, weil ich mit dem Rücken zum gesamten Raum sitze. So kann ich die meisten Mitpatienten nicht beobachten, sondern nur die, die mir gegenüber speisen. Spontan schätze ich sie als bürgerliche, konservative Spießer ein. Und schon geht es los:
»Wie lange bleiben Sie hier?«
»Vier Wochen.«
»Was, vier Wochen?!«
»Ja.«
»Üblich sind doch drei! Und während der Kur entscheidet erst der Arzt über eine Verlängerung.« Die Dame vor mir reckt neugierig den Hals vor.
Ich antworte nur: »Stimmt«, hülle mich in Schweigen und sehe, wie es in ihrem Kopf arbeitet.
Sie gibt nicht auf. »Manche bekommen ja auch einen Strandkorb bezahlt.« Neid blitzt in ihren Augen auf.
»Ach so?«, frage ich und mime die Ahnungslose, obwohl genau das für uns zutrifft. Wir erhalten einige Vergünstigungen, die uns in unserem Schmerz guttun. Lieber würde ich als normaler Kurgast hier sein, ohne die Last der Flugzeugkatastrophe mit mir herumschleppen zu müssen. Aber das Leben fragt nicht.
Sie geht zum Frontalangriff über: »Das hängt ja vom Kostenträger ab.« Fragend schaut sie mich an.
»Hmm. Stimmt.«
»Na, welchen haben Sie denn!?« Ungeduld schwingt in ihrer Stimme mit.
Ich bin entnervt. Soll sie mich doch in Ruhe lassen! »Wir haben was Schlimmes erlebt. Und damit Basta!«, schmettere ich ihr entgegen.
Das vertraut gewordene Gefühl der Entfremdung setzt ein. Seit der Katastrophe passe ich wohl in keine Gruppe mehr. Der Umgang mit Fremden ist erschwert. Ich bin weniger tolerant als früher, kann mich nicht gut anpassen, bin zutiefst misstrauisch und spüre einen tiefen Graben zwischen ihrer und meiner Welt.
Niemand muss wissen, weswegen wir hier sind.
© Brigitte Voß


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