30.07.2018, Donnerstag – Flug MH370

Vermelden die Nachrichten einen Flugzeugabsturz, berührt mich dies umso mehr, da Jens in einem Flugzeug auf abscheuliche Art und Weise sterben musste. Ich verfolge aufmerksam, was darüber berichtet wird und kann mich gut in die Gefühle der Hinterbliebenen angesichts des brutalen Todes ihrer Verwandten hineinversetzen. Interessant ist auch, wie die Behörden und eventuelle Verantwortliche für die Katastrophe mit ihnen umgehen.
Ein Jahr bevor wir unseren Jens verloren, ereignete sich eine merkwürdige Flugzeugkatastrophe. (Details siehe Wikipedia: Malaysia-Airlines-Flug 370)
Damals hatte ich keine Ahnung, dass sie mich später intensiver beschäftigen würde, weil ich als Hinterbliebene ähnliches erfahren musste. Auf dem Flug von der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur nach Peking verschwand eine Boeing 777 der Fluglinie Malaysia Airlines am 08. März 2014 plötzlich vom Radar. Seitdem ist die Maschine verschollen. An Bord befanden sich 239 Menschen, von denen bis jetzt jegliche Spur fehlt.
Seit heute liegt der Abschlussbericht vor, der den Hinterbliebenen der Opfer keine neuen Erkenntnisse bringt. Sie werden weiterhin verdammt sein, in qualvoller Ungewissheit zu leben, solange der Indische Ozean das Wrack des Flugzeugs sowie die Blackbox in seinen dumpfen Tiefen versteckt hält. Das, was die Regierung Malaysias mit Sicherheit sagen kann, ist: »Das Untersuchungsteam ist nicht in der Lage, den Grund für das Verschwinden von MH370 zu bestimmen.« Es gibt keine Antwort auf die Fragen, warum die Maschine die Flugroute verließ, nach Süden abdrehte und sieben Stunden über dem Indischen Ozean flog. Somit bleibt im Dunkeln, was sich an Bord abgespielt haben mochte.
Vergleiche mit dem Schicksal des Germanwings-Airbusses drängten sich mir auf. Was, wenn auch in diesem Fall das Böse von Anfang an im Cockpit auf die günstige Gelegenheit gelauert hatte, seine Gräueltat zu vollbringen? Geschützt von einer Tür, die als Folge des 11. September 2001 jegliche Rettung von Außen verhinderte? Kurz nach dem Verschwinden der Maschine tauchten Meldungen auf, wonach der Flugkapitän gravierende familiäre Probleme gehabt habe. Die Frau sei am Vortag des Fluges mit den Kindern aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen. Später dementierten die Ermittler, die die Lebensumstände von Pilot und Copilot unter die Lupe nahmen, und erklärten, es gäbe weder einen Abschiedsbrief noch Hinweise auf eine Selbstmordgefährdung. Allerdings konnten sie damit die anfänglichen Behauptungen nicht aus meinem Kopf löschen.
Der Verdacht erhärtete sich, als ich erfuhr, dass FBI-Experten auf einem privaten Flugsimulator des Piloten einen Übungsflug entdeckten, der mit dem Kurs der verschollenen Boeing nahezu übereinstimmte. Die Datei war bereits gelöscht, konnte aber wiederhergestellt werden.
Privatpersonen fanden an den Stränden Ostafrikas sowie ihrer vorgelagerten Inseln Trümmer des Flugzeuges, tausende Kilometer von der geplanten Flugroute entfernt. Im Juli 2015 wurde vor der französischen Insel La Réunion (Indischer Ozean) ein Flugzeugteil angespült, dass der vermissten Boeing 777 zugeordnet werden konnte. Es handelte sich um ein zweieinhalb Meter langes Tragflächenstück. Der kanadische Fachmann Larry Vance ist wegen des unversehrten Zustandes der Flügelklappe überzeugt, dass die Maschine kontrolliert, das heißt, absichtlich ins Meer gesteuert wurde.
Diese Indizien weisen durchaus auf einen Selbstmörder, der vom Cockpit aus sämtliche Flugzeuginsassen mit sich in den Tod riss, wie es ein Jahr später während des Germanwings-Absturzes in den Südfranzösischen Alpen geschah.
Auch der vorliegende Abschlussbericht stellt fest, dass der Kurs von Flug MH370 per Hand geändert wurde und nicht über den Autopiloten.
Trotz aufwändiger Suchaktionen, an denen sich mehrere Länder beteiligten, wurde das Wrack bisher nicht aufgespürt. Alte Suchgebiete wurden verworfen, neue berechnet. Schließlich wurde von der malaysischen Regierung eine Privatfirma beauftragt, die Anfang des Jahres Unterwasserdrohnen einsetzte, leider ohne Erfolg. Immer wieder Hoffnung für die Hinterbliebenen, gefolgt von einer tiefen Enttäuschung. Wechselbad der Gefühle.
Die Bergung des Rumpfes der Boeing würde den Opfer-Familien endgültige Klarheit über die vermissten Angehörigen bringen. Ich kann mir ihre Zerrissenheit gut vorstellen. Nichts ist in dem Fall leidvoller als Unwissenheit. Das untätige Warten zehrt an den Nerven.
Für uns waren bereits die drei Monate eine Qual, die wir ausharren mussten, bis wir mit den Überführungsdokumenten, die den Sarg aus Frankreich begleiteten, ein schlagendes Papier in den Händen hielten, das aufführte, welche körperlichen Bestandteile wir von Jens zurückerhielten. Jetzt erst war er wahrhaftig tot.
Wir hatten zwar kurz nach dem Absturz erfahren, dass er auf der Passagierliste stand, doch im Grunde genommen war das kein hundertprozentiger Beweis für seinen Tod. Niemand hatte uns offiziell benachrichtigt. Vermutlich hätte das die Kriminalpolizei tun müssen, ich weiß es nicht. Ich wollte nicht wahrhaben, was der Verstand versuchte, einzubläuen, nämlich dass Jens tot ist, weil er sich nicht meldete, weil er auf seinen Handys nicht erreichbar war, weil die Bilder der Absturzstelle für sich sprachen, … und trotzdem könnte es sein, dass …
Einige Hinterbliebene von Flug MH370 erhielten etwa zwei Wochen nach Verschwinden der Boeing per SMS (!) von der Fluggesellschaft Malaysia Airlines die Nachricht, dass davon auszugehen sei, dass ihre Lieben nicht mehr lebten. Daraufhin kam es in einem Pekinger Hotel, in dem die Verwandten auf die Ergebnisse der Suche nach dem verschwundenen Flugzeug warteten, zu verzweifelten Protesten. Ein Jahr darauf erklärte die Regierung Malaysias die 239 Flugzeuginsassen offiziell für tot. Vielen Hinterbliebenen fehlten dazu die Beweise, denn die zahlreichen Nachforschungen nach dem Wrack waren nach wie vor ergebnislos. Sogar zwei Jahre später glaubten einige Familien, dass ihre Angehörigen noch lebten.
Das verdeutlicht, wie verrückt die Sprache unserer Gefühle sein kann, wenn das entsprechende Wissen fehlt.
Ohne die sterblichen Reste von Jens hätten wir niemals beerdigen können. Die Hinterbliebenen von MH370 haben nichts, weder menschliche Körperteile noch eine dazugehörige Begräbnisstätte. Beides ist für den schmerzvollen Prozess, den Tod eines Lieben zu begreifen, wesentlich. In Le Vernet haben wir sogar ein zweites Grab, das die nichtidentifizierbaren menschlichen Überreste enthält. Allerdings ist für mich dasjenige wichtiger, von dem ich genau weiß, dass es Jens beherbergt. Die Absturzstelle, an der er uns am nahesten ist, bezeichnen wir als das dritte Grab. Die Opfer-Familien von MH370 hingegen haben nichts, sie haben keinen unmittelbaren Ort der Trauer. Auch die Beerdigung ist eine Form des Abschiednehmens. Wir haben Gegenstände in das Grab gelegt, die Jens begleiten sollen.
Die Behörden erklären, dass der vorgelegte Bericht kein endgültiger Abschluss sein kann, solange das Flugzeug nicht gefunden wurde. Sollten glaubwürdige Beweise zum Ort des Wracks präsentiert werden, gibt sich die malaysische Regierung offen, die Suche wieder aufzunehmen.
Der Abschlussbericht hinterlässt die Angehörigen enttäuscht und hoffnungslos. Trotzdem kämpfen sie gegen das Vergessen an, sie wollen Aufklärung. Einige suchen sogar auf eigene Faust nach Trümmern der Maschine und haben dabei mehr Erfolg als die offiziell Suchenden.
© Brigitte Voß


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar