° EINHUNDERTUNDVIERUNDSIEBZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE °
Vor drei Jahren fand die zweite Beerdigung der Opfer in Le Vernet statt. Derartige traurige Tage sind feste Lebensbegleiter geworden.
Das Begräbnis war bedrückend. Mit zunehmender Zeit jedoch geht die Erinnerung daran nicht mehr so tief unter die Haut, da ich nicht weiß, ob überhaupt etwas von unserem Sohn in dem Grab liegt, und wenn ja, mit wem. Wer möchte schon gern mit dem eigenen Mörder zusammenliegen?
Denke ich dagegen an die Beerdigung von Jens im Heimatort zurück, wirkt sie nach wie vor wie ein unrealistisches Ereignis auf mich ein.
Nur Erinnerungsfetzen sind vorhanden. Unbarmherzig existiert der Grabstein mit seinem Namen und dem Sterbedatum. Und trotzdem soll auch dieser in Ordnung sein. Die Lackschrift wurde vor einem Jahr als Reklamationsleistung ausgebessert, bröckelte aber erneut ab. Wir wurden falsch beraten. Es war ärgerlich und erschwerte meine Trauer. Das Vertrauen war weg. Wir kamen mit einem anderen Steinmetz in Kontakt. Er zeigte Alternativen auf, sodass wir ihn beauftragten, obwohl der Kostenvoranschlag eine hohe Summe aufwies. Für unseren Sohn ist alles recht. – Eines Vormittags besuchten wir Jens auf dem Friedhof. Es war einer der merkwürdigen Zufälle, dass just in dem Moment der Steinmetz mit seiner Frau den Grabstein mit erneuerter Schrift auf den dafür vorgesehen Sockel am Grab setzte. Die Bronzeschrift wird eine Ewigkeit halten, so hoffen wir. Bereits aus der Ferne fällt der Stein wohltuend auf, weil die Buchstaben und Zahlen plastisch hervorstechen. Ich bin ungemein zufrieden.
Im unendlichen Kreislauf der Natur wird gestorben, und es wird geboren. So feiert die Schwiegermutti ihren 95. Geburtstag. Wir sitzen mit ihr und den anderen dementen Senioren der Gruppe im Heim an der Kaffeetafel. Gleich drei der älteren Herrschaften begehen ihren Ehrentag. Der herzliche Pfleger aus Russland hätte seinen ersten Urlaubstag gehabt. Da Kollegen erkrankt sind, und er die Geburtstagsfeier nicht ausfallen lassen möchte, ist er trotzdem auf Arbeit erschienen. Er versteht es, die anfangs teilnahmslos wirkenden Damen mit der Bemerkung, »weißt du, du hast mir doch einen Hochzeitsantrag gemacht«, zum Lachen zu bringen. Einige gehen sogar darauf ein und lassen sich in kleine Gespräche verwickeln.
Schwiegermutti blickt unbeteiligt drein, immerhin spricht sie mit uns und meint: »Eigentlich müsste es anders sein. Wenn man Geburtstag hat, müsste man wieder jünger werden.« Sie nickt mit dem Kopf und fügt bedeutungsvoll hinzu: »Das wäre richtig.« Wir staunen über die scharfsinnige Feststellung. Im nächsten Moment tritt sie innerlich zum wiederholten Mal weg. Es ist schwer, in ihre Seele vorzubringen. Sie vergisst zu essen, sodass wir sie daran erinnern müssen. Es ist die einzige Tätigkeit, die sie noch selbständig verrichten kann. Ich denke an die Frau, die sie einst war. Traurig und erbittert sinniere ich darüber, dass wenigstens dieses Schicksal unserem Jens erspart geblieben ist.
Der Pfleger erzählt uns mit einem Kopfschütteln, wie die neue Datenschutzverordnung die Arbeit erschwert. Die Geburtstage der Heiminsassen werden an der Infotafel, die im Gang hängt, bekanntgegeben. Dazu muss er jetzt die Erlaubnis der Angehörigen bzw. der Vormünder einholen. So auch für die Trauerecke, die im Todesfall an den betreffenden Senioren mit Kerze und Foto erinnert. Irgendwann wird das Personal gänzlich auf diese wohlmeinenden Rituale verzichten, weil es Zeit sparen muss. Es ist schlichtweg überlastet. Es gibt Nützlicheres zu tun, als den Genehmigungen hinterherzujagen.
Später ziehen wir uns zurück, helfen ihr beim Auspacken der Geschenke, fahren sie im Rollstuhl durch die Grünanlage und trinken Sekt.
Sie spricht mit ihrem toten Sohn, dem Bruder meines Mannes, so als säße er neben ihr und wäre niemals gestorben. Die Demenz zeigt ihre positive Seiten.
Oder nimmt sie Kontakt zum Jenseits auf? Oder ruft er sie?
© Brigitte Voß
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