09.07.2018, Montag – Jungfraujoch

Wir haben lange überlegt, auf das Jungfraujoch zu fahren, weil es teuer ist. Doch wollen wir uns etwas Gutes gönnen. Wer weiß, ob wir noch einmal die Gelegenheit haben, solch eine bezaubernde Schneelandschaft zu bewundern. Leider sind wir nicht mehr die Jüngsten. Wie schnell alles zu Ende sein kann, haben wir am traurigen Beispiel unseres Jens erleben müssen.
In Lauterbach kaufen wir Tickets für den nächstmöglichen Zug, der uns zur Station »Kleine Scheidegg« bringt. Dort tummeln sich Unmengen von Touristen. Früher war es beschaulicher.Wir fotografieren die drei Wahrzeichen des Berner Oberlandes Eiger, Mönch und Jungfrau. Die Gipfel bilden eine grandiose, unvergessliche Bergkulisse im ewigen Eis. Endlich sitzen wir in der Jungfraubahn, einer Zahnradbahn, die sich gemächlich auf ihrer Zahnstange durch den in den Fels von Eiger und Mönch gebohrten Tunnel bewegt. Endstation ist Europas höchstgelegener Bahnhof auf dem Jungfraujoch.Am Haltepunkt »Eismeer« hält der Zug für fünf Minuten und bietet den Passagieren die Möglichkeit auszusteigen. Wir befinden uns im Eiger. Aus dem Gestein weisen Fenster auf eine faszinierende Gletscherwelt. An der ersten Scheibe drängen sich jede Menge Fahrgäste, sodass ich zur nachfolgenden sprinte. Meine Augen hasten über die gesamte Glasfläche, um die weiße Wahnsinns-Pracht in der Kürze voll zu erfassen.

Leider etwas unscharf: der Schmetterling …

Plötzlich bleiben sie am unteren Teil hängen, alles andere ist uninteressant geworden. Ich fasse es nicht! Vor mir sitzt ein Schmetterling, die Flügel ausgebreitet auf dem Glas, als wolle er in die Freiheit, in die Sonne hinaus. Hier ist es eiskalt. Ich staune. Was macht ein Schmetterling in dieser unwirtlichen Umgebung? Ist es ein Zeichen von Jens oder nur ein blinder Passagier?
Oben angekommen, genießen wir zunächst von der Aussichtsplattform die eisigen Naturschönheiten. Es ist erschreckend, wie die Klimaerwärmung den Aletschgletscher in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren verkleinert hat. Bereits zu der Zeit sprach man von der Gletscherschmelze. Auf dem gestrigen Spaziergang suchten wir den Oberen Gletscher von Grindelwald vergebens. Es war verstörend, sodass wir im ersten Moment dachten, wir hätten uns geirrt, und er befände sich an einem anderen Platz. Doch er wird wohl gestorben sein wie Jens, der damals sechzehn Jahre alt war. Die dazugehörige Eisgrotte ist ebenfalls verschwunden. Ich weiß, dass er alles aufschrieb, was er erlebte, insbesondere im Urlaub. Ich nehme mir vor, die entsprechenden Tagebucheintragungen zu lesen. Mir wird mulmig bei dem Gedanken. ((Anmerkung: Laut Internet hat sich der Gletscher so weit zurückgezogen, dass man ihn von unserem Standpunkt aus, dem Eingang des Gletschertales, nicht mehr sehen konnte.))
Zurück zum Jungfraujoch: Wir verlassen die Aussichtsplattform und somit das Gebäude. Gekreische empfängt uns. Zumeist chinesische Touristen, befestigt an einem Seil, sausen in respektvoller Höhe etliche Meter über den Abgrund in die Tiefe. Man nennt so etwas Firstfliegen. Die Welt wird immer verrückter. Die Natur wird des Geldes wegen missbraucht. Oder werde ich alt? Der Kick, den die Betreffenden dabei erleben, bringt sie zum Schreien. Sogar hier muss man sich selbst fotografieren. Der Landeplatz der Gleiter wurde früher für Hundeschlittenfahrten genutzt. Mit Wehmut erinnere ich mich, wie die Huskies die Kinder im Schlitten durch den Schnee gezogen hatten. Damals dominierte ein sanfterer Tourismus die eisige Landschaft. Es war ruhiger und die Hundeschlitten passten zu der Umgebung.Wir stapfen durch die weiße Pracht Richtung Mönchsjochhütte. Der Himmel ist dunkelblau. Die Atmung fällt ein wenig schwer. Die Höhe von 3454 m macht sich bemerkbar. Je weiter wir vorankommen, desto stiller wird es.
Am Wegesrand sitzen zwei Jungen im Schnee, der kleinere weint laut. Ich stutze, da sie allein sind. Nirgendwo ist eine Begleitperson zu entdecken. Wir gehen vorbei. Ich überlege: ›Wer weiß, wie sich alles verhält. Es wird schon seine Richtigkeit haben.‹
Schließlich kehren wir um. Bereits aus der Ferne höre ich das Weinen. Die Situation der Kinder ist unverändert. Die Menschen blicken erstaunt auf und setzen ihren Weg fort. Jetzt schluchzt auch der Größere, den ich auf ungefähr zwölf Jahre schätze. Ich hocke mich vor ihnen hin und spreche sie auf Englisch an. Der Ältere versteht leidlich. Ich erfahre ihre Namen. Der Vater habe gesagt, dass sie hier warten sollen, weil er weiter wandern wollte. Sie würden schon lange hier sitzen. Immer wieder schauen die Brüder nach oben und suchen mit ihren Augen die Berge ab. Kein Vater ist zu sehen. Sie kommen aus Spanien. Obwohl die Sonne auf den Schnee prasselt, der die Wärme reflektiert, frieren beide. Der Kleine fühlt sich kalt an.
In einiger Entfernung wartet ein Paar. Sie hätten ebenfalls mit den Jungs gesprochen. Die Frau sagte, sie würden solange hierbleiben, bis ihr Sohn sie abhole. Dann müssten sie weg. Wir kommunizieren auf Englisch.
Ich überlege, die Kinder kurzerhand mitzunehmen. Doch was ist, wenn der Vater zurückkehrt und sie nicht vorfindet? Die Wartende meint dazu: »Das wäre eine harte Lektion für ihn.«
Sie hat zwar recht, aber … Ich fasse einen Entschluss: Die Geschwister sollen bei den Erwachsenen warten, und wir versuchen, in dem Gebäude des Jungfraujochs einen Verantwortlichen zu finden, der weiß, wen man in solchen Fällen informiert. Während wir uns dem Eingang nähern, werde ich zunehmend wütend, wie verantwortungslos der Vater mit seinen Söhnen umgeht. Wie schnell kann die so normale Gemeinsamkeit durch irgendein Ereignis für immer vorbei sein. Er sollte sie behüten und beschützen (allerdings nicht wie ein sogenannter »Hubschrauber-Vater«) und sie nicht stundenlang im Schnee sitzen lassen. Sie müssen doch überzeugt sein, dass ihm etwas zugestoßen ist und nicht zurückkehrt.

Damals …

Kinder sind für mich das Wertvollste, das eine Familie besitzen kann.
Ich denke an unsere beiden Söhne. Einer von ihnen wurde grausam ermordet. Ich konnte es nicht verhindern, ihn nicht schützen. Wie auch! Jens hätte es sich verbeten, wenn ich wie eine Glucke über ihn gewacht hätte. Er starb als erwachsener Mann. Und trotzdem stecken Mutterinstinkte in mir, die ich nicht verdrängen kann und bin den Tränen nah. Fakt ist, der Vater handelt verantwortungslos.
Es ist wahrhaftig merkwürdig, plötzlich flattert ein orangefarbener Schmetterling dicht an mir vorbei zu meinem Mann, der ihn auch bemerkt. Wir bleiben stehen und schauen ihm verblüfft nach. In dieser Schneelandschaft! In diesem Moment! Ein Schmetterling!?
(Dem Leser sei gesagt, dass ich wirklich nicht flunkere.) Was wir dabei vermuten, brauche ich nicht zu wiederholen.Am Eingang befindet sich ein Stand, an dem man das Gleiten am Seil bezahlen kann. Ich erzähle dem Betreiber, was passiert ist. Sofort lässt er seine Kunden warten, erkundigt sich, wo die Kinder sind und sagt, wir hätten sie unbedingt mitbringen sollen. Er kümmert sich. Ich bin erleichtert.
Während er zum Telefon greift, entdeckt mein Mann, dass sich die Jungs aus der Ferne nähern. Sie sind nicht allein. Ich gehe auf sie zu, um sie in Empfang zu nehmen. Der Erwachsene stellt sich als Vater vor.
»Is he your father?«, möchte ich mich vergewissern.
Die Kinder nicken. Sie sehen total fertig aus.
»Why did you leave your children allone for such a long time?«, frage ich aufgebracht.
Er stammelt etwas davon, dass die Ehefrau nicht wandern wollte und bedankt sich mehrfach. Offensichtlich ist ihm nicht wohl in seiner Haut.
Mir hat es die englische Sprache verschlagen.
Während er sich entfernt, dreht er sich erneut mit einem »Thank you« zu mir um.
Ich stelle mir vor, wie die Geschwister der Mutter alles berichten und sie ihrem Partner eine furchtbare Szene macht.Noch in der Jungfraubahn, die uns zurückbringt, wollen mir vor Wut und Unverständnis über das Geschehene, die sich mit einer tiefen Sehnsucht nach Jens vermischen, die Tränen kommen. Ich denke daran, wie schön es war, als wir nach dem Mauerfall mit beiden Kindern unseren ersten Urlaub in der Schweiz verbrachten. Damals fuhren wir mit einer weniger luxuriösen Bahn auf das Jungfraujoch.
© Brigitte Voß


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