Wir haben unseren Aufenthalt in Le Vernet beendet. Jedes Mal fällt mir der Abschied schwer. Ich fühle mich elend und möchte am liebsten für immer bleiben, denn die Vorstellung, Jens hier allein zu lassen, zurückzulassen, ist ungewöhnlich intensiv. Früher hätte ich Menschen, die sich so verhalten, mit mitleidigen Augen betrachtet und wäre über deren Seelenzustand beunruhigt gewesen. Dem Leser sei versichert, dass hier keine Verrückte schreibt. Krank würde ich erst werden, wenn ich derartige Gedanken, Empfindungen sowie die Zeichen seiner Nähe, unterdrücken müsste. Ich habe den Vorteil, mich sogar mit Trauernden vergleichen zu können, die dieselbe Katastrophe erlebt haben. Ich finde mich in ihnen wieder.
Auf der Rückreise aus Frankreich legen wir einen dreitägigen Aufenthalt in der Schweiz ein. Mit unseren Kindern hatten wir einst in der Umgebung von Grindelwald einen Urlaub verbracht.
Gestern, als wir auf der Herfahrt Wilderswil durchquerten, entdeckten wir unser damaliges Domizil. Wir erkannten es eindeutig. Wehmut stellte sich ein, die bis heute andauert. Es ist eine bewusste Entscheidung, hierher zu fahren. Ich möchte die Stätten wiedersehen, an denen unsere kleine Familie glücklich war, auch wenn das traurig macht. Plätze, die an eine verstorbene Person erinnern, weisen die Besonderheit auf, dass sie ohne den Toten weiterleben und das teilweise recht plastisch. Obwohl es schmerzt, ist für mich ein solcher Aufenthalt wichtig, um den Tod von Jens ein wenig zu erfassen. Solcherart Rückblicke sind intensiver als das alleinige Betrachten von Fotos. Ich erblicke die Umgebung, spüre den Wind auf der Haut, ich rieche, höre oder kann etwas berühren. Die Sinne werden angesprochen. Es ist nicht nur der Verstand, der die Erinnerungen aus den Tiefen des Gehirns hervorholt, es sind ebenso die äußeren Eindrücke, die einwirken. Dass Jens nicht wieder kommt, weil er tot ist, ist konsequent. Für einige Hinterbliebene wie für mich besteht die Schwierigkeit, diese Endgültigkeit mit allen Folgen zu begreifen. Es ist ein schmerzvoller Prozess.
Ich frage mich, ob wir unser Beisammensein wahrhaft ausgiebig und bewusst genossen haben. Ich weiß nur eins, die Urlaube waren schön, die Kinder kamen gern mit uns mit. Wir erfreuten uns an vielen gemeinsamen Erlebnissen.
Genau wie die Gedanken an jene ungetrübte Zeit kracht die Sonne erbarmungslos auf uns nieder. Wir warten an einer Zugstation, dass sich die Türen der bereitstehenden Zahnradbahn zur Schynige Platte öffnen, damit wir uns setzen können.
Ich habe die damalige Bahnhofsdurchsage, die für den einfahrenden Zug bestimmt war, gut in Erinnerung. Sie gab die Station bekannt: »Schynige Platte«. Die männliche Stimme war sonor, eindringlich, energisch und durchaus unvergleichlich. Der Rhythmus, in dem die fünf Silben gesprochen wurden, war speziell. Die Jungs waren beeindruckt und ahmten sie und die Art des Sprechens noch Jahre später nach. An Spaß mangelte es uns nicht. Wir benutzten die Bahn einige Male, um verschiedene Wanderziele anzusteuern.
Endlich dürfen wir einsteigen. Überlaufendes Wasser in meinen Augen. Ein Mädchen starrt mich ununterbrochen an. Mir ist egal, ob es auffällt. Ich bin traurig und habe momentan keine Kraft, mich zu verstellen. Es ist stets dasselbe, suchen wir zum ersten Mal die Orte auf, die Jens mochte, oder an denen wir gemeinsame Erlebnisse hatten, lastet die Schwermut bleischwer auf der Seele. Sehen wir sie irgendwann erneut, ist der Kummer nicht so quälend wie am Anfang.
Wir haben unser Ziel erreicht und steigen aus. Zwei Alphornbläser begrüßen die ankommenden Gäste. Nahe der Station erstreckt sich am Hang der Alpengarten, den wir damals aufsuchten. Das Hotel hat sich wenig verändert.
Die Ausblicke auf die dominierenden, schneebedeckten Berge der Berner Region Eiger, Mönch, Jungfrau sowie den Thuner und Brienzer See sind genau so faszinierend wie vor fünfundzwanzig Jahren.
Wir wählen den längeren Rundwanderweg, der mit 2½ Stunden Gehzeit angegeben ist. Ist es derselbe, den wir in jenen Tagen erwanderten? Wir wollen es nach Urlaubsende anhand früherer Fotos vergleichen. Die Vorstellung, darauf Jens in einem Alter zu sehen, in dem das Leben beginnt, aufregend zu werden, versetzt mir einen Stich ins Herz. Doch es war eine traumhafte Zeit, die ich nicht ignorieren möchte. Und ihn erst recht nicht. Ich muss und will da durch. Daher nehme ich mir vor, die alten Dias hervorzukramen.
Die Sonne begleitet uns auf der Wanderung. Sie taucht die Farben der Natur in ein heiteres Licht. Auffallend sind die zahlreichen Schmetterlinge, die unseren
Weg kreuzen. Sie lassen sich fotografieren, tanzen umher oder streifen uns, ehe sie erneut in der alpinen Blütenvielfalt verschwinden.
Die entgegenkommenden Wanderer grüßen in verschiedenen Sprachen, am häufigsten ist das einheimische Grüezi zu hören.
Bei jedem Schmetterling denke ich: ›Jens lässt uns wissen, dass er dabei ist.‹ Das beruhigt und macht sogar froh.
© Brigitte Voß
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Die Landschaften sind ganz toll. Muss eine sehr schöne Gegend sein.
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