05.07.2018, Donnerstag – Lavendel reinigt und entspannt

Endlich sehe ich sie – die Lavendelfelder. Zum ersten Mal. Sie können je nach Wetter bis Ende August blühen. Wir befinden uns auf einer dafür bekannten Hochebene bei Valensole. Das Fahrzeug parkt wie die anderen am Straßenrand.
Mich erschlägt das Violett. Der Duft, der in die Nase dringt, ist rein und zart. Ich kann nicht genug davon bekommen und zerreibe die kleinen Blüten mit den Fingern, um daran zu riechen. Der Geruch wirkt auf mein gestörtes Gemüt, als könnte er die ganze verrückte Welt von dem Bösen reinigen.
Die Menschen staunen und bannen das lila Feld in die Kamera. Chinesische Touristen probieren die merkwürdigsten Posen zwischen den Pflanzenreihen aus, um sich selbst ins rechte Licht zu rücken.Schade, dass Jens das violette Pflanzenmeer nicht sehen kann. Er würde sich daran erfreuen. Prompt stellt sich ein schlechtes Gewissen ein. Was machen wir eigentlich? Wir verbringen den Urlaub in einer Region, in der er ermordet wurde. Das ist abartig. Für einen Moment bin ich verstört. Gegenargumente drängen sich auf: Die hilfreichen Begegnungen, die wir in und um Le Vernet erleben, die Schönheit der Natur, die wie Seelenbalsam auf uns wirkt, das Licht der Provence, das unsere dunklen Gedanken erhellt, die Zeichen, die wir als seine Grüße deuten, … es tut uns gut. Hinzu kommen die sportlichen Aktivitäten: Je mehr ich mich beim Bergwandern anstrengen muss, um so weniger ist der Kopf für Grübeleien frei. Auch das hat Vorteile!
Die Eindrücke und Erlebnisse werden wohl einen tieferen Sinn haben, unterliegen einer gewissen Ordnung – wir lassen uns treiben.
Auf der Weiterfahrt halten wir an jedem Feld an.
Die Lavendelbüschel sind in Reihe angeordnet. Sie ergeben violette Linien, die links und rechts genug Platz für die hellen Zwischenräume lassen. Daraus resultiert ein Streifenmuster, das in der weiten Ebene den Bergen zustrebt, die in der Ferne senkrecht in die Höhe ragen. Waagerechte Achse trifft auf vertikale. Zusammen mit Licht und Farben ergibt das eine bewunderungswürdige Geometrie …Nachdem wir den Gedenkraum in Le Vernet aufgesucht haben, kommen wir spät in unserer Ferienwohnung an.
›Jetzt nur noch Abendbrotessen, Beine hoch und lesen‹, so stelle ich mir den Abend vor.
Wir sitzen vor der Unterkunft. Ein Mann mit struppigen schwarzen Haaren und verwegen dreinblickenden Augen kommt auf uns zu und bleibt vor dem Tisch stehen. Er stellt sich als Nachbar vor. Ihm gehört das Chalet, das auf der gegenüberliegenden Seite des Weges steht und dessen Rückwand dicht bewachsene Bäume verdecken. Er überreicht uns eine Flasche Rotwein. Wir bieten ihm einen Stuhl an, auf den er sich bereitwillig setzt. Den Wein dürfen wir nicht öffnen, weil wir ihn erst zuhause trinken sollen.
Er fragt, wir nicken: Und so pafft er eine Zigarette nach der anderen.
Schließlich geht mein Mann ins Haus, um Bier zu holen, und bietet es dem Besucher an. Er schüttelt mit dem Kopf, holt zwei Büchsen des Getränks aus seinen zerbeulten Hosentaschen und erklärt, dass er in Korsika wohnt.
Er erinnert mich an die Haudegentypen gewisser Abenteuerfilme. Er redet laut, hat jede Menge Humor und einen dämonisch klingenden Raucherhusten.
Ich mag ihn.
Meist spricht er französisch, manchmal englisch. Stolz gibt er einige Worte auf Deutsch wieder. Er hatte für einen bekannten deutschen Konzern gearbeitet.
Er fragt uns aus, denkt, dass wir hier einen fröhlichen Urlaub verbringen. Ich habe keine Hemmungen mehr zu erzählen, was der Grund unserer Verbindung mit Le Vernet ist. Er zischt einen Fluch durch die Lippen.
Schweigen.
Er spricht sein Beileid aus. Sofort stellt er uns sein Chalet zur kostenfreien Nutzung zur Verfügung. Er überreicht uns eine Telefonnummer aus Korsika, die wir unbedingt anrufen sollen. Die Ehefrau könne gut Deutsch. Wir reden dagegen, weil es gratis ist. Er versucht, uns zu überzeugen. Jedoch sollten wir die Sache besser im nüchternen Zustand überdenken.
Plötzlich lässt er eine Schimpftirade auf den Copiloten los, der wir uns mit Leichtigkeit in unserer Muttersprache anschließen. So viele französischen Schimpfwörter in kurzer Zeitspanne habe ich noch nie gehört.
Er erzählt von seinem »Petit« und meint den Enkelsohn, der seit einem Autounfall geistig behindert ist. Man merkt ihm an, dass es ihn beschäftigt und keine Ruhe lässt. Mit traurigen Augen schaut er uns an. Wir sprechen mit ihm darüber, doch alsbald kehrt seine Fröhlichkeit zurück. Er singt mit rauer, aber klangvoller Stimme ein französisches Chanson.
Nachdenklich schaue ich ihn an. In wie viele lachende Gesichter habe ich schon gesehen, die grausame Schicksalsschläge vor der Öffentlichkeit verbergen? Vermutlich sind es mehr, als ich annehme. Auch wenn sich helfende Hände entgegenstrecken, wird jeder im tiefsten Inneren allein damit fertig werden müssen. Zu komplex und unterschiedlich sind die Seelen von uns Menschen.
Wir verabschieden uns. Die Nacht träume ich von Lavendelfeldern, in denen Kinder spielen.
© Brigitte Voß


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