04.07.2018, Mittwoch – Schmerz und Trost

Wir sind auf dem Rückweg von der Absturzstelle.Freundin Nancy ist in sich gekehrt und hängt ihren Gedanken nach. Sie ist diesen Weg das erste Mal gegangen und entsprechend schweigsam.
Schmetterlinge, zumeist orange und gelbe, begleiten uns. Oft bleiben wir stehen und schauen ihrem flatterhaften Flug zu.Aus der Ferne erkenne ich vier Personen auf der Aussichtsplattform. Eine der Frauen trägt ein weit geschnittenes weißes Gewand und ein Tuch um den Kopf.
Sind das etwa die iranischen Angehörigen? Was für eine Fügung! Nancy spricht persisch.
Wir nähern uns. Sie sind es tatsächlich, die Eltern, deren Sohn Milad mit all den anderen Menschen, die ihn in den letzten Lebenssekunden im Flugzeug umgaben, an einen Fels gesteuert wurde, den wir drei soeben bestiegen haben. Neben ihnen stehen die Schwester, die um ihren Bruder trauert, und vermutlich der Onkel, der ein gutes Deutsch beherrscht. Seitdem unsere Lieben sterben mussten, sind wir uns schon mehrfach begegnet.
Im Iran ist es kompliziert, die für die Reise erforderlichen Dokumente zu organisieren, und ich weiß von ihrer Angst, dass die Zukunft diesbezügliche Schwierigkeiten mit sich bringen könnte. Das wäre schlimm, da ihr Kind in Le Vernet sein eigenes Grab hat.
Die Wiedersehensfreude ist groß. Wir umarmen uns. Ich sehe die Schwester das erste Mal mit bloßem Haar und sage spontan: »You look so beautiful without scarf.« (Du siehst wunderbar ohne Tuch aus.) Sie versteht und lacht.
Ich stelle der Familie Nancy vor. Es geschieht, was geschehen muss: Sie unterhalten sich auf Farsi. Ich verstehe kein Wort.
Sollte dieses Zusammentreffen Zufall sein? Unsere Freundin, die persische Wurzeln hat, weilt ausgerechnet in Le Vernet, wenn die iranischen Hinterbliebenen kommen. Sie ist eine ferne Verwandte des zweiten Opfers aus dem Iran, Hosein Javadi Djadda.
Wir wandern die restlichen Meter gemeinsam zurück zum Col, wo die Familie mit einem Shuttle abgeholt wird. Den Fahrer, Philippe, kennen wir bereits, weil er uns früher einige Male zum Col gefahren hatte.
Die Sonne sticht ununterbrochen.
Wir setzen den Weg bis zum Parkplatz fort, wo unser Fahrzeug auf uns wartet.
Bevor wir am Nachmittag mit Nancy in den Gedenkraum gehen, zündet sie für Jens eine Kerze vor der Stele an. Die für Milad steht seit gestern auf seinem Grab. Diese Dinge sind ihr wichtig. Wir freuen uns darüber.
Der Raum wirkt heftig auf sie ein. Die Energie der Trauer sowie die unmittelbare Nähe zum Tod sind mystisch intensiv und rühren die Seele auf. Das Sterben hat Gesichter, die dem Besucher aus den zahlreichen Fotos entgegenlachen. Erinnerungsstücke, die die Angehörigen mit Liebe und Sorgfalt daneben platziert haben, erzählen Geschichten aus  dem Leben der Verstorbenen.
Nancy läuft die Tischreihen entlang, liest die Namen und kennt mehr Schicksale als ich. Sie weiß eine Menge Details, auch über die Opfer aus Spanien, da sie die Landessprache beherrscht und dadurch die entsprechenden Medien versteht. Ich höre ihr aufmerksam zu. So hat eine spanische Mutter durch den Flugzeugabsturz gleich zwei Söhne verloren … Von nun an werde ich die Fotos der jungen Männer mit anderen Augen betrachten. Ich erfahre, dass die schlanke Frau mit den langen schwarzen Haaren, deren Foto unweit von dem von Jens liegt, als Chemikerin arbeitete. Die Verbindung ist da, ich studierte einst Chemie.
Nancy setzt sich intensiv mit dem Leid der Hinterbliebenen und den Schicksalen ihrer Verstorbenen auseinander. Ich hingegen lasse derartige Informationen nicht zu tief in mein Inneres dringen, denn ich habe mit dem Tod von Jens genug zu tun. Empathie ist gut, doch ein Zuviel davon, würde mich zerstören.
Im Aufenthaltsraum treffen wir erneut auf die iranische Familie. Sie erzählen von Milad, der mit seinem Sportreporterkollegen nach Barcelona flog, weil es ihre große Freude war, über den El Clásico (Fußballspiel zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona) zu informieren. Der Bericht kam in ihrer Heimat an, sie niemals. Ursprünglich wollten sie eine andere Linie für den Rückflug nutzen, jedoch sie war ausgebucht. So wählten sie die Strecke über Düsseldorf und gerieten in den todbringenden Airbus.
Zur Verständigung stehen uns gleich zwei Übersetzer zur Verfügung Nancy sowie der iranische Onkel mit einem ausgezeichneten Deutsch. Die Schwester von Milad spricht gut Englisch.Zum Abendbrot sitzen wir mit der Familie einige Stunden im Restaurant des kleinen Berghotels zusammen.
Die aufgedruckten Schmetterlinge auf meinem Pulli fallen auf. Es entwickelt sich ein Gespräch über die bunten Insekten. Dabei erfahre ich, dass die Mutter in Bezug auf ihren Sohn in ihnen etwas Besonders sieht, was fern jeglicher Logik liegt – genau wie ich, denke ich an Jens. Obwohl sie einer anderen Religion und Kultur angehört, sprengen derartige Vorstellungen offensichtlich Ländergrenzen.
Es ist schon dunkel, als meine Freundin in den Mietwagen steigt, um nach Marseille zu fahren. Von dort fliegt sie morgen zurück nach Deutschland. Es ist ein langer Abschied, denn auch die iranische Familie reist am folgenden Tag in der Frühe ab.
Die Mutter mag mich nicht mehr loslassen. Wir haben den gleichen Schmerz.
Wir winken Nancy nach, bis sie hinter der Kurve verschwindet.
© Brigitte Voß


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