03.07.2018, Dienstag – der Pilot und die Flugbegleiterin

°EINHUNDERTEINUNDSIEBZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Freundin Nancy ist in Le Vernet angekommen. Auf unsere Empfehlung hat sie sich bei Hervé und Christiana im L’Inattendu einquartiert. Sie steht uns zur Seite. Wir möchten ihr all die Plätze zeigen, die mit dem Flugzeugabsturz zusammenhängen. Sie nimmt tief Anteil am Tod von Jens und all der anderen Menschen, die sich an Bord befanden und nicht sterben wollten. Hosein Javadi, eines der beiden iranischen Katastrophenopfer ist ein entfernter Verwandter von ihr.
Unser erstes gemeinsames Ziel soll die Stele sein, doch sie ist belagert. Zumindest befindet sich ein Mann davor, der mit Sicherheit niemanden bei dem Absturz verloren hat. Uns sind zwar nicht alle Angehörige bekannt, aber ich erkenne es am Verhalten, ob es sich um unbedarfte Besucher handelt. Entweder verharren diese respektvoll und steif vor dem Gedenkstein oder sie diskutieren mit forschen Bewegungen so wie im Augenblick, denn mittlerweile sind ein Motorradfahrer mit seiner Sozia hinzugekommen.
Es sind nur Vermutungen. Allerdings sind für Kummer und Leid meine Sinne wie niemals zuvor geschärft, obwohl ich in der besseren Zeitrechnung ebenfalls recht einfühlend war.
Mit missmutigen Gefühlen beobachte ich, dass die drei Personen nicht daran denken zu gehen. Sie reden und reden … Jetzt stört mich die Anteilnahme der Fremden, die wahrscheinlich ihren Urlaub in der Umgebung verbringen und einen Ausflug nach Le Vernet unternehmen, um mit eigenen Augen das Fürchterliche zu verstehen.
Es ist zwar positiv, wenn sie sich erinnern, aber momentan würde ich an den Plätzen des Gedenkens gern allein sein. Nur, woher sollen sie das wissen?
So lenken wir unsere Schritte zum Friedhof.
Wir stehen vor dem Grab und sprechen leise.
Nancy studiert die Namen beider Grabplatten. Dabei fällt auf, dass die bisher einzige leere Zeile aufgefüllt wurde – vermutlich handelt es sich um ein spanisches Opfer. Die Verwandten haben wohl erst in neuerer Zeit die Genehmigung zur Veröffentlichung gegeben. Diese freie Stelle hatte unter einigen Hinterbliebenen für Spekulationen gesorgt.
Ich höre, wie auf der Straße ein Motorrad stoppt. Personen nähern sich. Das Friedhofstor scharrt beim Öffnen im Kies. Das Paar bleibt in kleiner Entfernung neben uns stehen. Ich blinzele zur Seite. Sie begrüßen uns. Es sind die Motorradfahrer, die wir vorher vor der Stele gesehen haben.
Es ist nicht üblich, dass Touristen den Friedhof betreten. Die meisten begnügen sich mit dem Gedenkstein oder der Aussichtsplattform, wohin sie mit dem Bike strampeln oder zu Fuß wandern.
Ich fühle mich gestört.
Plötzlich fragt einer von ihnen, ob wir Angehörige sind.
Ich bejahe das sofort, hoffe ich doch, dass sie dadurch veranlasst werden, den Ort zu verlassen.
Er lässt nicht locker und will wissen, wie wir zur Lufthansa stehen.
Auch das noch! Im Gegenzug möchten wir erfahren, mit wem wir sprechen.
Es sind Urlauber, die gern in die Provence fahren.
Wir hören, dass er als Pilot und seine Partnerin als Flugbegleiterin bei der Lufthansa arbeiten. Die beiden drücken ihre Fassungslosigkeit darüber aus, dass ein Pilot mit einer derartigen Einschränkung der Sehkraft und mit den psychischen Problemen, wie sie der Copilot von Flug 4U9525 aufwies, Passagiermaschinen steuern durfte. Das können sie sich absolut nicht vorstellen.
Unvermittelt geraten wir in eine aufschlussreiche Unterhaltung.
Nancy stellt Kerzen auf die Konsole und ist in Gedanken mehr bei den Opfern als bei uns.
Überhaupt seien früher die Kriterien für eine Pilotenlaufbahn strenger gewesen. Brillenträger durften gar nicht oder nur bis zu einer definierten Dioptrie fliegen. ((Ich habe es mir leider nicht genau gemerkt.))
Sie fragen, wen wir verloren haben.
Wir erzählen von Jens und kommen ins Reden.
Sie sind betroffen.
Wir beschweren uns, dass die Schweigepflicht der Ärzte für bestimmte Berufsgruppen nicht gelockert wurde und dass das Vieraugenprinzip wieder zurückgenommen wurde.
Wir müssen erfahren, dass sie letzteres in Ordnung finden.
Ihre Begründung: Die Gefahr, dass die zweite Person, die für einen der Flugkapitäne einspringt, Böses im Schilde führt, sei dadurch erhöht. Er kenne die Flugbegleiter nicht, die im Austausch die Pilotenkanzel betreten. Das verschaffe keine Sicherheit. Es könnten sich gezielt Terroristen in die Ausbildung zum Steward/zur Stewardess einschleusen, die ohnehin relativ kurz sei (nur 6 Wochen bis 4 Monate).
Unser Gesprächspartner traut einem Piloten wegen des harten Bildungsweges mehr als einem Flugbegleiter, der sowieso nicht wisse, was zu tun sei, wenn jemand im Cockpit gefährdende Handlungen durchführt.
Seine Partnerin stimmt zu.
Die Meinung leuchtet uns ein.
Die Medien berichteten leider nur ungenügend darüber.
In der Ferne grummelt es drohend. Eine dunkle Wolkenwand schiebt sich über die Berge. Ein Gewitter naht.
Besorgt schauen sie zum Himmel. Sie wünschen uns für den weiteren Lebensweg viel, viel Kraft und eilen zu ihrem Motorrad.
Auch wir streben dem Ausgang zu. Die zunächst einzelnen Tropfen verstärken sich rasch zu einem Wasserfall, der die dicken Wolken entlastet. Blitze flashen auf. Es donnert als würden Felsen aufeinanderstürzen.
Nancy und ich stellen uns notdürftig unter. Mein Mann flitzt davon, um das Auto zu holen.
Ein Jeep fährt an uns vorbei. Nur wenige Minuten später kommt er wieder zurück. Der Fahrer drückt uns einen großen Schirm in die Hand, und schon ist er verschwunden.
Wie nett.
Am Abend speisen wir bei Hervé und Christiana im L’Inattendu. Es schmeckt.
© Brigitte Voß


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3 Gedanken zu “03.07.2018, Dienstag – der Pilot und die Flugbegleiterin”

  1. Jetzt kann ich besser verstehen, warum das Vieraugenprinzip wieder abgeschafft wurde. Macht also Sinn.
    Vielen Dank für den Beitrag Frau Voss.
    LG
    Michaela Bergmann

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