Die Zeit rast. Wir unternehmen viel. Vor einigen Tagen fuhren wir nach Sisteron, einem malerischen Touristenziel, etwa 40 km von Le Vernet entfernt. Der Temperaturunterschied zwischen den Bergen und den unteren Regionen ist gewaltig. Jedes Mal staune ich, wenn ich den allmählichen Anstieg auf dem digitalen Thermometer im Auto verfolge, fahren wir bergab. Nicht umsonst flüchten die Menschen vor der Hitze aus Marseille und dem Umland in ihre Ferienhäuser (Chalets) in die Alpen. Flexible Rentner steigen kurzentschlossen in ihre Wohnmobile, um sich in den luftigen Höhenlagen an der kühleren Luft zu erfreuen. Hitzeflüchtlinge!
Wir hingegen schlichen an solch einem Tag bei krachender Sonne durch den hübschen Ort und erkundeten die Zitadelle, die erhabenen Hauptes über ihm thront. Sie verleiht ihm ein charakteristisches Aussehen und zieht die Blicke der Touristen auf sich.
Mühsam stiegen wir die Anlage hinauf. Es offenbarten sich grandiose Aussichten auf Sisteron, die Berge und auf zwei Flüsse die sich mit der Durance vereinigen, einer davon sah lehmig aus.
Plötzlich wurde die Idylle gestört. Ich sah in der Ferne ein Flugzeug. Gleichzeitig kam mir ein Wegweiser zum Flugfeld der Stadt in den Sinn, den ich kurz vorher gesehen hatte. Ich versuchte mit aller mentaler Kraft, das Bild zu verdrängen, dass sich vor meinem inneren Auge aufbauen wollte. Doch er tauchte auf, der Copilot der Germanwings-Maschine, der unseren Jens und mit ihm 148 Menschen an einen Felsen schmetterte. Ich erinnerte mich an Interviews, die die Medien verbreiteten. Danach soll er bereits als Jugendlicher die Absturzregion in
den französischen Alpen gekannt haben, weil er in Sisteron Fluglehrstunden absolvierte. Lubitz` Eltern haben ihn und den heimatlichen Flugverein von Montabaur regelmäßig zum Segelfliegen in die Provence begleitet. Wie oft ist er als Lernender über seinen zukünftigen Tatort hinweggeflogen? In dem französischsprachigen Thriller »Le diable du ciel« behauptet der Autor Laurent Obertone, dass die Katastrophenregion gar eine Pflichtpassage für die Flugschüler gewesen sei. Nach allem, was ich bisher gelesen habe und vergleichen konnte, hat der Schriftsteller gut recherchiert, zumindest stimmen erwähnte Angaben mit tatsächlichen Fakten des BEA-Untersuchungsberichtes überein.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf betrachtete ich die Stadt mit verwandelten Augen. Ihr haftet ein dunkles Geheimnis an, das die Touristen, die uns auf ihren verwinkelten Straßen begegneten, sicher nicht kannten. Sie würden es vielleicht niemals erfahren wollen. Für sie ist Entspannung und Leichtigkeit angesagt. Es ist Urlaubszeit. Ein ganz normales Leben …
Der Ausflug nach Sisteron ist bereits Vergangenheit.
Heute wandern wir in den Bergen nahe Le Vernet. Das Fahrzeug haben wir in Roussimal abgestellt, um den Weg Richtung Tête de la Bau zu Fuß fortzusetzen. Ein Video auf YouTube hat uns auf die Idee gebracht. Wir erhoffen, von dort die Absturzstelle aus einer anderen Perspektive zu sehen als vom Col de Mariaud aus.
Stetig verläuft der Weg bergauf. Die Natur ist ungestüm, atemberaubend. Sie begeistert. Mehrfach kreuzt ein strömender Bach den Weg, was uns nichts ausmacht, da die Wanderschuhe wasserdicht sind.
Ein Traktor überholt. Er zieht einen Hänger hinter sich her, aus dem Kuhaugen vorbeiflitzende Bäume und Felsen bestaunen. Ein Almauftrieb?
Nach einigen Minuten kommt er leer wieder entgegen. Der Fahrer nickt uns erneut zu. Von Weitem ist das Gebimmel von Kuhglocken zu hören.
Der Weg verengt sich, und die Vegetation weicht einer Hochalm. Kühe kommen neugierig auf uns zu. Doch je mehr wir uns ihnen nähern, desto mehr weichen sie zurück. Ich rede beruhigend auf sie ein, denn in Konflikt möchte ich mit den kräftigen Tieren nicht geraten.
Der Pfad schlängelt sich durch satte Wiesen bis zu einer Hütte steil bergauf. Dahinter wandern wir durch das Gras bis zum Grat hinauf. Der letzte Anstieg ist erheblich.
Wir laufen auf dem Kamm hin und her. Die Absturzstelle ist nicht einsichtig. Dafür breitet sich tief unten das Tal des Galèbre aus. Wir entdecken den Fluss, den l’Ubac sowie die Aussichtsplattform an der Haarnadelkurve der Piste, die zum Ort der Katastrophe führt. Eigentlich ist es ein genialer Ausblick. Leider ist er bestens geeignet die Strecke des mörderischen Flugzeuges kurz vor seinem Aufprall nachzuvollziehen. Mein Herz hämmert im wilden Stakkato.
Dennoch möchte ich all das mit eigenen Augen sehen und erfahren.
Indem ich selbst erlebe, bändige ich die überschießenden Fantasien, die mich mehr quälen als der Anblick der Berge, die trotz des Grauens, das sich in ihnen abspielte, eine friedvolle Ruhe ausstrahlen, von der ich nur lernen kann.
Die Sonne lacht.
© Brigitte Voß
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