27.06.2018, Mittwoch – ungewöhnliche Begegnungen

Wir ruhen uns auf einer Bank am Wegesrand aus. Sie wurde neu aufgestellt. Von hier aus ist die Absturzstelle gut zu sehen. Wir waren soeben dort. Es ist später Nachmittag, aber noch heiß.
Wir haben Zeit.
Ein Schmetterling umflattert uns. In den wenigen Tagen, die wir in Le Vernet weilen, haben wir bereits auffällig viele in den unterschiedlichsten Farben erleben dürfen – gelbe weiße, braune und orangefarbene. Dieser hier ist schwarz mit einem rötlichen Zackenmuster und kleinen Pfauenaugenpunkten an den Rändern der Flügel.Er setzt sich auf uns nieder, fliegt weg, um zum wiederholten Mal, um uns herum zu tändeln. Erneut landet er auf Pulli, Jeans, den Händen oder den Schultern. Manchmal werden seine Kreise größer. Er verschwindet und taucht wieder auf, sodass das Spiel von vorn beginnt. Lange beobachten wir ihn.
Ist das ein Gruß von Jens? Wir sind davon überzeugt. Derart zahlreiche Schmetterlingserlebnisse hat es vor seinem Tod nicht gegeben. Vielleicht konzentrieren wir uns seit der Katastrophe stärker auf sie, weil wir deren Symbolik inzwischen erfahren haben?
Irgendwann raffen wir uns auf. Benommen von dem magischen Erlebnis steigen wir bergab. Ein kleines Stück verfolgt er uns.
Wir erreichen den Parkplatz, auf dem unser Fahrzeug mittlerweile das einzige ist. In dessen Nähe hocken fünf junge Männer mit länglichen, großen Rucksäcken. Offensichtlich sind es Gleitschirmflieger. Einer von ihnen kommt auf uns zu und möchte wissen, wohin wir fahren und ob wir sie mitnehmen können. Er spricht französisch. Er erkundigt sich nach einem Flugplatz für Segelflugzeuge. Ich weiß, dass es in Seyne-les-Alpes einen gibt.
Le Vernet kennen sie nicht.
Trotz meiner Bitte, langsamer zu sprechen, vergrößert er sein Sprechtempo in Riesenschritten.
»Parlez-vous anglais?«, frage ich.
»Yes.«
Wir setzen das Gespräch auf Englisch fort.
Plötzlich wechselt er die Sprache und redet auf Schweizerdeutsch weiter. Er fragt, ob wir am Vortag die Rettungshubschrauber gesehen haben.
Haben wir nicht.
»Unser Bekannter ist gestern mit dem Gleitschirm abgestürzt.« Mit dieser Bemerkung lässt er mich abrupt stehen und wendet sich seinen Begleitern zu. Er spricht mit ihnen in einer slawischen Sprache.
Die Mitteilung hat mir einen Schlag in die Magengegend versetzt.
Er mag nicht darüber reden und lenkt ab.Offensichtlich verfolgen uns Abstürze aus der Höhe: 2015 stürzte der Leiter einer Kurklinik ab, in der wir uns erholen wollten. Er starb. Wenige Tage vor dem zweiten Jahresgedenken krachte in Le Vernet ein Kleinflugzeug vom Himmel. Ich werde das heulende Geräusch nie vergessen, da wir uns in unmittelbarer Nähe aufhielten. Einer der Insassen kam ums Leben. Im selben Jahr verunglückte unser Freund Norbert mit dem Segelflugzeug tödlich.
Jetzt ist es kein Flugzeug, sondern ein Paragleiter, aber es schockt mich zutiefst.
Drei der Männer steigen zu uns ins Auto. Die anderen bleiben zurück.
Wir fahren in das Dorf. Sie erkundigen sie sich, ob wir Urlauber sind.
Da mir wegen der Nachricht nicht nach Wortgeplänkel zumute ist, frage ich, egal ob es ihm nun passt oder nicht, ob ihr Bekannter überlebt hat. Die erlösende Antwort: »Ja, er liegt im Hospital.«
Im Gegenzug möchte er unbedingt erfahren, was uns bewegt, die weite Fahrt mit dem Fahrzeug von Deutschland in diese Gegend zu unternehmen.
Ich eröffne ihm, wie es um uns steht.
Nicht immer bin ich so freimütig.
Zunächst weiß er nicht Bescheid. Es gibt keine Schweizer Opfer unter den Passagieren. Unsere Fahrgäste wissen gar nicht, dass sich in unmittelbarer Nähe ein Flugzeugabsturz ereignete. Nach einigen Erklärungen können sie sich erinnern.
Sie drückten ihr Beileid aus, und die Stimmung sinkt gegen Null. Es wäre besser gewesen zu schweigen.Am Abend setzen wir uns nur wenige Meter von der Ferienwohnung entfernt auf eine Bilderbuch-Wiese. Durch die Wolken dringt die untergehende Sonne, die sie in ein rötliches Licht taucht, darunter behaupten sich die Berge im Nebel.

© Brigitte Voß


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