26.06.2018, Dienstag – Verschwörung rund um eine Staumauer

°EINHUNDERTSIEBZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Vor drei Jahren fand die Beerdigung von Jens statt. Es war ein grausames Ereignis, das von seinem Schrecken nichts verloren hat. Es dringt nur in Bruchstücken in mein Bewusstsein. Ich wünsche niemandem, vor dem Grab seines Kindes stehen zu müssen.
Warum wechselte die bessere Zeitrechnung aus einer intakten Welt, in der unser Sohn sich des Lebens erfreute, in ein dunkles Danach? Ich hadere mit dem Schicksal, aber es bleibt hart.
Woran ich mich noch gut erinnere, sind die Schwierigkeiten, die die Überführung des Sarges von Marseille nach Deutschland mit sich brachte. Laut Rechtsanwalt sollen wir die letzten Angehörigen gewesen sein, die die menschlichen Überreste ihres Verstorbenen erhalten haben. Der Grund dafür ist unklar. Das zehrte damals ungeheuer an den Nerven, dazumal der diesbezügliche Austausch mit Germanwings äußerst unbefriedigend war. Die Ansprechpartner waren total überfordert. Das vergesse ich nie. (Bei Interesse: Siehe Blogbeiträge vom 01.06.2015 bis 12.06.2015.)
Heute leuchten die Berge ausgesprochen klar und freundlich. Die Sonnenstrahlen haben ein leichtes Spiel, da nur wenig Wolken sie hindern, ihre provenzalische Helligkeit zu verbreiten. Das Gebirge und das Wetter wollen uns trösten.Wir fahren zum Stausee von Serre-Ponçon. Zunächst müssen wir eine riesige Umleitung nehmen, die sich als Panoramastraße mit schönen Ausblicken auf den See und die ihn umgebende Natur entpuppt. Die Hitze ist seit den Morgenstunden aktiv und so beschließen wir, faul mit einem Schiff den See zu umrunden.
Auf Französisch werden über Lautsprecher Erklärungen zu den Örtlichkeiten gegeben. Wir bekommen einen deutschen Text in die Hand gedrückt.
Die mächtige Staumauer dient der Stromerzeugung und dem Hochwasserschutz. Sie staut das Wasser der oberen Durance.
Vor der Flutung des einstigen Sees wurden 1500 Menschen umgesiedelt.
Jetzt kann er bis zu 1.2 Milliarden Kubikmeter Wasser aufnehmen, was zur Trinkwasserversorgung und zur Bewässerung genutzt wird.
Der Lac de Serre-Ponçon ist ein beliebtes Touristenziel.
Der Damm wurde nach einem speziellen Verfahren errichtet und ist Europas größter Erddamm. Er ist 124 Meter hoch, 630 Meter lang, an seiner Basis 123 Meter dick und fasst mehr als 14 Millionen Kubikmeter Material. Der Erbauer versichert, die Mauer wäre unbrechbar und würde sogar einem Erdbeben der Stärke 8 standhalten, denn die Region sei gefährdet. Mittelstarke Erdstöße hatte es in der Vergangenheit gegeben. Im Falle eines Bruches könnten die befreiten Wassergewalten eine maximale Höhe von 34 Metern erreichen und alles unter sich verschlingen. Nach zwei Stunden würden sie auf Sisteron treffen und schließlich bis zur Präfektur Bouches-du-Rhône vordringen, deren Hauptstadt Marseille ist. Mit diesem Wissen muss ich sofort an eine der zahlreichen Verschwörungstheorien denken, die behauptet, dass Terroristen das Flugzeug in die Staumauer stürzen wollten, was unendlich viele Tote und beträchtliche wirtschaftliche Schäden mit sich gebracht hätte. Daher wäre die Mirage aufgestiegen, um den Germanwings-Airbus abzuschießen. Die Rechnung ist einfach: Die wenigen Menschenleben in der Maschine müssten geopfert werden, um eine größere Anzahl zu retten. Oder, um bevorzugt die materiellen Werte zu schützen?
Mit Sicherheit würde man wohl so handeln.
Die vorliegenden, unbestreitbaren Fakten, sprechen allerdings eine andere Sprache. Sie besagen, dass der Airbus auf dem vorgesehenen Kurs geblieben und gleichmäßig mit hoher Geschwindigkeit gesunken ist. Bei einem Abschuss würde sein Flugprofil anders aussehen.
Die Trümmerteile des Flugzeuges fanden die Bergungskräfte innerhalb eines relativ kleinen Raumes. Die Wucht des Aufpralls auf dem harten Gestein sowie die Geschwindigkeit (700 bis 750 km/h) waren so enorm, dass die Menschen und die Maschine in winzige Teile zerfielen. Pulverisiert. Der arme Jens.
Es ist internationaler Standard, Kampfjets loszuschicken, wenn der Kontakt zu Passagierflugzeugen abbricht. So reagierte auch der Fluglotse im Fall von Flug 4U9525.Der Tag neigt sich dem Ende zu. Es wird kalt und ich bin traurig.
Wir beschließen den Abend mit einem Snack in einem Restaurant. Die Sicht auf den Stausee und seine Umgebung ist trotz allem bezaubernd …
© Brigitte Voß


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3 Gedanken zu “26.06.2018, Dienstag – Verschwörung rund um eine Staumauer”

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