Der Weg schlängelt sich durch Wald und Wiesen. Teilweise haben wir freie Ausblicke auf die Berge, insbesondere den L’Ubac.
Wir queren brodelnde kleine Wasserläufe, die das Unwetter von gestern Abend zur Erinnerung hinterließ. Gewitter, Starkregen und Graupel hatten uns an die Ferienwohnung gefesselt. Lange grollte das Echo zwischen den Alpengipfeln von Le Vernet. Unheilvolle Naturgewalten.
Auf der Rundwanderung begegnen uns Schmetterlinge. Wir versuchen, sie auf den Blüten zu fotografieren. Es werden mehr. Sie haben orange-braune Flügel, genau wie die, die dieses Jahr auf dem Campingplatz in Deutschland das erste Mal auftauchten. Jens hatte den Ort sehr geliebt. Er wuchs quasi in der Natur auf. Er träumte davon, ihn wieder zu sehen und in unserem
Wohnwagen zu übernachten. Er äußerte zunehmend, dass er es bei einem der nächsten Besuche bei uns so einrichten würde. Leider kam es nicht dazu, weil er in eine Maschine stieg, in der ein Copilot mit zerstörerischen Gedanken auf den geeigneten Moment lauerte, sie in die Tat umzusetzen.

Es liegt auf der Hand, dass wir ín den bunten Flattertieren einen Gruß von Jens sehen.Auf dem Rückweg kehren wir in der Mühle (Le Moulin) ein. Die Betreiber kennen uns seit Jens gestorben ist. Sie sind Brüder. Der eine kocht und der andere, Jean-Jaques, bedient. Die französischen Vermieter des Chalets, in dem wir uns für zwei Wochen einquartiert haben, empfehlen uns, uns im Falle von Problemen an sie zu wenden, denn sie selbst wohnen in Marseille.
Der Kellner begrüßt uns freundlich ohne viel Worte. Wir lächeln uns kennend zu. Schnell steht die Mahlzeit auf den Tisch.
Die Ferienwohnung befindet sich in Haut-Vernet in einer kleinen Ferienhaussiedlung. Zum Friedhof laufen wir vierzig Minuten. Zum Gedenkraum ist es einen Kilometer weiter. Sind wir zu müde, benutzen wir unser Fahrzeug, mit dem wir aus Deutschland angereist sind.
Üblicherweise kaufen wir im Intermarché in Seyne-les-Alpes ein, einem Nachbarort, etwa 10 km von Le Vernet entfernt. Doch bevor wir den Einkaufswagen durch die Reihen der Einkaufshalle schieben, machen wir etwas, wovor ich bisher stets zurückscheute. Wir fahren die Nebenstraße am Supermarkt vorbei. Rechts von uns erstreckt sich eine große Wiese, auf der man das Gleitschirmfliegen erlernen kann.
Vernebelte Erinnerungen tauchen auf: weiße Zelte. Vier Tage nach dem Flugzeugabsturz besuchten wir die Absturzregion. Nachdem wir mit den japanischen Angehörigen des Kollegen von Jens, der sich mit ihm auf Dienstreise befunden hatte, das erste Mal vor der Stele in Le Vernet standen, brachte man uns im Kleinbus hierher. Mir wurden ein zweites Mal Speichelproben entnommen. Ich erinnere mich, dass wir in ein Buch gedenkende Worte an Jens geschrieben hatten.
Später erfuhr ich, dass auf genau diesem Rasen die Hubschrauber starteten und landeten, die zur Absturzstelle flogen, um all das, was die Umstände der Katastrophe von Mensch und Flugzeug übrigließen, vom Berg zu holen. Sie wurden hier, vor den Toren der Stadt, vorübergehend aufbewahrt. Ich habe ein gewölbtes hangar-ähnliches Gebäude in Erinnerung, doch wir können es nicht finden. Wo und wie lange werden die Flugzeugtrümmer endgelagert? Leider weiß ich es nicht. Ich nehme mir vor, es herauszufinden. Warum eigentlich?
Nichts erinnert mehr an den damaligen Spuk. Die Wiese darf wieder eine unschuldige Wiese sein …
Ich sitze im Liegestuhl, vor mir erstreckt sich bergauf ein gepflegter Stoppelrasen, dessen gekürzte Halme beginnen, strohig gelb zu werden. Wohltuend heben sich die kniehohen, saftige Gräser des Nachbargrundstücks ab, auf der kräftige, bunte Blumen ihre Köpfe dem Himmel entgegen recken. Den Insekten gefällt das. Beide Rasenstücke gehen ineinander über, sodass man den Unterschied zwischen gemäht und ungemäht deutlich erkennt.
Drehe ich mich um, sehe ich die Rückwand unserer Ferienwohnung. Rechts vor mir dehnt sich der L’Ubac in voller Länge aus und trägt den Abendhimmel. Der Berg bewahrt für den Rest seiner Existenz eine schreckliche Wahrheit in sich. Die Menschen werden mit der Zeit vergessen, doch er wird die Schwingungen des Unfassbaren in sich gespeichert haben.
An der von Le Vernet abgewandten Seite flog die mörderische Maschine, bevor sie wenige Sekunden später zerschmettert wurde. Sie müsste sich bereits unterhalb des Bergkammes befunden haben. Das Flugzeugfenster von Jens war dem L’Ubac zugewandt. Wieder einmal steigere ich mich in diese Vorstellungen hinein und höre die Schreie der Menschen, die wussten, dass da etwas vollkommen aus dem Ruder geraten war …
Hatte die Maschine den L’Ubac berührt? Ich weiß nicht mehr, aus welcher Quelle ich einst vernommen hatte, dass es unmittelbar vor dem tödlichen Aufprall mit dem linken Flügel eine erste Felsberührung gegeben haben soll.
Wie so oft, verdränge ich erfolgreich all die schlimmen Gedanken. Darin habe ich mittlerweile Übung.
Es ist irrsinnig.
Und jetzt bin ich ruhig und entspannt. Wir bewundern sein rötliches Leuchten in der untergehenden Sonne. Er ist ein Hingucker in jeder Beziehung.
Der Berg ist übermächtig.
Jens ist hier und wir auch – das ist irgendwie gut.
© Brigitte Voß
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