20.06.2018, Mittwoch – Seepferdchen

Wir bringen unsere Enkelin das letzte Mal zum Schwimmkurs. Es wird spannend. Wird sie die Tests für die Stufe der sogenannten Frühschwimmer schaffen und das ersehnte Seepferdchen erhalten? So sicher ist das nicht, denn nach einigen Kursstunden wollte sie aus unerklärlichen Gründen ohne Schwimmringe am Arm nicht mehr vom Beckenrand ins Wasser springen, trotzdem die von der Trainerin hineingehaltene Stange Sicherheit versprach. Totalverweigerung. Für die Prüfung muss sie zusätzlich fünfundzwanzig Meter schwimmen und mit den Händen einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser herausholen. Dabei gleiten die Kinder an einem gehaltenen Stab hinab, bis sie unter der Oberfläche verschwinden.
Zunächst holen wir sie im Kindergarten ab, wo wir von ihrem Betreuer erfahren, dass sie gedrückter Stimmung sei. Offensichtlich ist der innere Druck hoch, obwohl sie weiß, dass es nicht schlimm ist, wenn sie die Angst übermannt, und sie nicht springen kann. Klappt es heute nicht, gelingt es eben später.
Von ihrer Furcht bemerken wir vorerst nichts. Stolz zeigt sie ihre neue Schwimmbekleidung, die ihr die Mama für diesen wichtigen Tag gekauft hat. Sie meint, es sei ein Glücksbikini.
Wir fahren mit unserem Auto zur Schwimmhalle. Sie ist lustig und plappert munter einher. Sie erzählt von Tauchern, die einen speziellen Schwimmanzug tragen. Wir kreisen das Thema ein. Schließlich erkläre ich ihr, dass das Wasser Kraft hat. Es drückt die Kinder, die hineinspringen, aus der Tiefe wieder in die Höhe, an die Luft. Ich setzte noch einen drauf, und verdeutliche, dass die großen Schiffe, die nicht kaputt sind, auf dem Wasser schwimmen, weil es stark ist und sie trägt. Sie hört aufmerksam zu. Nickt zustimmend.
Ich gefalle mir in der Oma-Rolle.
Plötzlich taucht eine Erinnerung auf: Jens hatte im Kindergartenalter fürchterliche Angst vom Beckenrand ins Wasser zu springen. Meine Mutti begleitete ihn zum Schwimmkurs. Damals waren die Trainer nicht so einfühlsam wie jetzt und stießen unseren schreienden Sohn einfach hinein. Daraufhin brachen wir den Kurs ab. Später nahm er an Schwimmwettkämpfen sowie Triathlons teil und war ein fanatischer Schwimmer, der viel Spaß an dieser Sportart hatte. – Die Wehmut ist mein ständiger Begleiter. Ich kann lachen und im Herzen traurig sein. Das habe ich seit dem Tod gut trainiert.
Wir erreichen unser Ziel. Sassas Mama ist bereits da und der Papa kommt überraschenderweise ebenfalls. Sie freut sich darüber, doch mit zunehmender Wartezeit wird sie schweigsamer und schaut durch die große Panoramascheibe auf das Schwimmbecken, in dem soeben ein Schwangerenkurs beendet wird.
Die Mama und sie verschwinden in die Umkleidekabinen.
Jetzt ist unserer Enkelin mit den Kindern in der Schwimmhalle. Wir sitzen vor der Scheibe und erwarten spannungsgeladen mit den anderen Muttis, Vatis oder Großeltern das Geschehen. Ich bin nervös.
Es geht los. Sie beginnen mit zwei Schwimmringen an jedem Arm. Zunächst springen sie und schwimmen. Je ein Ring wird abgenommen, und das Prozedere wiederholt sich. Keine Ringe mehr – … Luisa steht am Beckenrand, die Schultern hochgezogen, sie zittert. Die Trainerin redet ihr freundlich zu. Der zweite Trainer zieht seinen Pulli aus, lässt sich vom Rand ins Becken gleiten und stellt sich unter ihr ins Wasser. Immerhin geht sie einen Mini-Schritt nach vorn und verharrt. Man sieht ihr förmlich den inneren Kampf an.
Ich spüre, Jens ist irgendwie anwesend.
›Jens, hilf deiner kleinen Nichte, gib ihr einen unsichtbaren Schubs. Mach irgendetwas, dass sie springt und die fünfundzwanzig Meter schafft‹, sage ich in Gedanken, wobei Bilder vor meinem inneren Auge vorbeihuschen. Sequenzen der Erinnerung: Jens legt seine Krücken an den Beckenrand und krault mit angeknackstem Knöchel die Bahnen hoch und runter. Oder an der Ostsee: Jens schwimmt trotz ärztlichen Verbots 2,3 km von der Insel Rügen zum Festland (Teilnahme am Sundschwimmen). Gleich darauf denke ich daran, wie sauer er war, weil der Arzt ihm jeglichen Sport aufgrund einer Verletzung für mindestens zwei Monate untersagt hatte. An dem Abend leerte er nahezu eine Flasche Schnaps. Während mir die Gedankensplitter im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf gehen, und ich Jens anflehe, zuckt eine Bewegung durch ihren Körper. Obwohl sie erneut zögert, weiß ich, dass sie es schafft. Sie gibt sich einen Ruck und … und springt. Wir jubeln. Die geforderten fünfundzwanzig Meter schwimmt sie im Anschluss souverän. Sie ist furchtbar ernst und hat offensichtlich noch nicht verarbeitet, dass sie ins tiefe Wasser gesprungen ist.
Die Tauchübung meistert sie gut.
Abschließend dürfen die Kinder, die das wünschen, hintereinanderweg ins Becken springen. Sie macht mit, hat auf einmal Spaß und quasselt aufgeregt mit den anderen.
Mit Urkunde und dem Seepferdchen (Aufnäher) in den Händen rennt sie uns freudestrahlend entgegen. Wir freuen uns mit ihr.
Anschließend holen wir ihren Bruder aus der Kindereinrichtung ab. Während wir den kleinen Kerl anziehen, sucht sie sofort ihre Spielkumpel und Erzieher auf, um ihnen ihre Trophäen zu zeigen.
Schwimmen

 

Jens ist dabei und  mächtig stolz auf sie, ich weiß es.

 

 

 

© Brigitte Voß


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Ein Gedanke zu “20.06.2018, Mittwoch – Seepferdchen”

  1. Brigitte, das ist so schön, dass du deine Enkelin begleitest und unterstützt. Oma haben ist für die Kleinen besonders schön. Ich habe mein Seepferdchen mit 31 gemacht , ich muss darüber schmunzeln. Ich konnte gut schwimmen, da es aber in Polen keine Abzeichen gab, hatte ich keins. Meine große Tochter hatte gerade Silber gemacht und ich habe mich heimlich zum schwimmkurs für Erwachsene angemeldet und kam ein paar Wochen später genauso stolz wie deine Enkelin mit einem kleinen Seepferdchen 😊 nach Hause .

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