07.06.2018, Donnerstag – mit dem MDR durch das Bergdorf (Le Vernet 3)

Die Filmaufnahmen werden fortgesetzt, dieses Mal im Ort.
Wir beginnen an der Stele. Bingo, der Hund der neuen Betreiber, begleitet uns. Er ist temperamentvoll, noch jung und entsprechend neugierig. Er liebt Anorte, und sie mag ihn. Daher nutzt er einen Moment unserer Unaufmerksamkeit und huscht so schnell wie möglich durch das kleine Holzgatter, um ein für ihn verbotenes Gebiet zu erreichen. Rasch wird er wieder herausbefördert, denn im direkten Umfeld der Stele könnte er Unheil anrichten und die Kerzen und Fotos umwerfen, die die Angehörigen für ihre Toten aufgestellt haben.
Nico schraubt die Kamera auf das Stativ, schwenkt sie mal nach oben, um die Berge aufzunehmen, mal nach unten, damit das Objektiv mein Mann fixieren kann, weil er eine Grabkerze mit dem Bild von Jens dekoriert, usw. Der Tontechniker dreht an Einstellungsknöpfen, richtet das Mikrofon mit der langen Halterung zu uns, während Anorte äußerst wissbegierig ist.
Den Gedenkraum dürfen sie nur von außen aufnehmen. Wir lassen sie gern mit hinein, doch wie vereinbart, bleibt jegliche Aufnahmetechnik draußen.
Wir zeigen ihnen den Platz, auf dem sich Erinnerungsstücke an unseren Jens angesammelt haben. Wir entfernen ein Foto mit ihm und ersetzen es durch ein schöneres, wie wir meinen.
Sie laufen die Tischreihen ab, schauen und bleiben hier und da für Minuten stehen. Schweigen. Schließlich verlassen wir den Raum. Durch die Wolkenlücken quetschen sich erste Sonnenstrahlen. Anorte wischt sich verstohlen einige Tränen aus den Augenwinkeln. Keiner der Drei sagt ein einziges Wort. So kennen wir sie ganz und gar nicht. Das ändert sich rasch mit den nächsten Filmaufnahmen. Sie kehren zur Realität zurück, diskutieren über den vorteilhaftesten Standort der Kamera, welcher Hintergrund mit ins Bild kommen soll, u.ä. Sie sind wieder in ihrem Element.
Uns ist das nicht vergönnt. Ungewollt sind wir zu Figuren geworden, die durch den grausamen Tod von Jens in einem qualvollen Traum gefangen sind. Der psychische Schmerz sowie die daraus resultierenden körperlichen Folgen umgeben uns wie ein Panzer, den wir wohl nie durchdringen oder gar auflösen können. Die physischen Beschwerden mögen durch Sport und Bewegung, am besten an der frischen Luft, in den Griff zu bekommen sein. Mit der Psyche ist das schon schwerer. Ich habe noch kein Mittel gefunden, womit ich das Leid durchlöchern könnte, um den seelischen Duck abzulassen. Wie auch! Jens ist für immer tot. Irgendwie müssen wir damit leben.Zurück zu den Filmaufnahmen: Wir laufen durch das kleine Bergdorf. Wie so oft bei unseren zahlreichen Besuchen in Le Vernet gesellt sich ein wuscheliger Hund zu uns und läuft neben oder vor uns her. Er kennt uns. Sofort richtet Nico die Kamera auf ihn. Jede Kleinigkeit wird gefilmt.
Außerdem begleitet uns ein Kuckuck, der seit gestern mit erstaunlicher Lautstärke durch das Tal flötet. Anorte staunt, wie intensiv seine Rufe sind. Mein Mann sucht meinen Blick. Wir denken an Jens.
Viel Zeit verbringen wir auf dem Friedhof vor dem Grab mit den nichtidentifizierbaren menschlichen Körperresten. Die Filmkamera ist aus unterschiedlichen Perspektiven permanent auf uns gerichtet. Wir haben uns an sie gewöhnt, doch Ungezwungenheit sieht anders aus. Trotz der Aufregungen, die die Filmerei mit sich bringt, sind wir froh, dass wir dem Projekt zugestimmt haben. Jens sowie die Insassen von Flug 4U9525 sollen niemals vergessen werden. Hier ist Unrecht geschehen.
Nico erzählt, dass insgesamt vier Stunden Filmmaterial zusammengekommen sind. Was für ein Aufwand, wenn man bedenkt, dass die Beiträge der »Umschau« eine durchschnittliche Länge von nur acht Minuten haben.Die Verabschiedung vom Fernsehteam fällt herzlich aus. Seit vorgestern begleiten sie uns und haben an den unterschiedlichen Orten des Gedenkens in und um Le Vernet unsere Meinungen gehört. Offensichtlich hat das Spuren hinterlassen, wie wir ihren Abschiedsworten entnehmen. Sie umarmen uns und wünschen viel Kraft für die Zukunft.
Auch wir packen, denn noch heute fliegen wir zurück nach Deutschland.
Wir checken aus und sagen Cristiana und Hervé, dass wir bald wiederkommen. Sie drückt mich fest an sich und mag mich nicht mehr loslassen. Sie ist selbst Mutter und ahnt wohl, wie schlimm es sein muss, sein Kind zu verlieren. Ich kämpfe mit den Tränen. Diese Innigkeit!


Wer sich interessiert: Die Sendung wurde im Rahmen der „Umschau“ erst am 26.03.2019 im MDR ausgestrahlt und ist noch etwa ein Jahr in der Mediathek zu sehen.

© Brigitte Voß


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