23.05.2018, Mittwoch – »Hex, Hex!«

Der Monat begann mit einer Nachricht, die mich aufhorchen ließ. Die US-Justiz hat einen Haftbefehl gegen den Ex-VW-Chef Martin Winterkorn erlassen. Sie wirft ihm »Verschwörung zur Täuschung« im Dieselskandal um die Abgasmanipulation vor. Für ihn dürfte das zunächst keine Folgen haben, denn deutsche Staatsbürger dürfen nicht an die USA ausgewiesen werden. Allerdings wächst dadurch der Druck auf die Braunschweiger Staatsanwaltschaft, die ebenfalls ermittelt.
Warum interessiert mich das? Winterkorn galt als Topmanager. Er hätte sich wohl nie träumen lassen, dass es ihm einmal an den Kragen gehen würde. Oft sind es die US-Ermittler, die bis ins ferne Ausland etwas bewegen können. Die deutschen Mühlen der Justiz dagegen mahlen holprig, langsam und bleiben oft stecken.
Bezüglich der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft haben wir gleich gar nichts mehr zu erwarten, denn sie hat das Verfahren kurzerhand eingestellt. 149 Menschen wurden auf Flug 4U9525 ermordet, aber sie sieht keinen weiteren Ermittlungsbedarf.
Wir prozessieren weiterhin gegen die Flugschule in Phoenix/ Arizona. Derzeit soll das Landgericht in Essen gemäß einem Beschluss des Bezirksgerichtes der Vereinigten Staaten/Arizona entscheiden, ob die Klage in Deutschland erfolgen kann, jedoch unter Anwendung des US-Beweiserhebungsrechts. Das würde bedeuten, dass die Anwälte selbst Akten beschlagnahmen und Verhöre durchführen dürfen. Es ist davon auszugehen, dass das Gericht eine Zugrundelegung des US-Prozessrechtes auf deutschem Boden ablehnen wird. Danach könnte der Weg in die USA erneut offen stehen.
Was mich in unserem Fall ärgert ist, dass die Gegenseite mit allen Mitteln die Klage verzögert. Sie will Zeit schinden, reizt gesetzte Fristen aus und versucht, die Angelegenheit in die Länge zu ziehen. Wir sollen zermürbt werden, damit wir von dem Vorhaben abspringen. Ich kann es denjenigen, die sich dazu entschließen, nicht verübeln. Drei quälende Jahre sind seit dem Tod von Jens vergangen. Die Zeit arbeitet gegen uns. Je mehr sie vergeht, desto mehr gerät die Flugzeugkatastrophe aus dem Gedächtnis der Menschen.
Werden wir ein Ende noch erleben, um diese schwerwiegende Seite unseres Lebens umschlagen können, um dem Seelenfrieden ein Stück näher zu kommen? Trotzdem bleiben wir dabei. Wir sind es Jens schuldig und werden alles in die Wege leiten, damit geklärt wird, was sich im Vorfeld der Katastrophe innerhalb des flugmedizinischen Dienstes der Lufthansa abgespielt hat. Dort musste es doch erhebliche Lücken geben, wenn solch ein Copilot Passagiermaschinen steuern durfte.

Es gibt Positives zu berichten. Unsere Enkelin lernt schwimmen, und da Großeltern bekanntlich Zeit haben, bringen wir sie gern zum Kurs. Wir sitzen hinter einer Glaswand der Schwimmhalle und können das Geschehen verfolgen. Die Fünfjährige bewegt sich mit Freude im Wasser. Es ist so traurig, dass Jens das nicht sehen kann. Er hätte ungemeinen Spaß beim Zuschauen. Bei dem Gedanken schießen die Tränen in die Augen, die ich rasch durch ein stolzes Oma-Lächeln verscheuche.
Anschließend kommt sie mit zu uns nach Hause. Wir lieben es, Hexe zu spielen. Ihr großes Vorbild ist derzeit Bibi Blocksberg. Mir gefällt die Kinderfigur, da diese einen ausgezeichneten Sinn für Fairness hat, und nur hext, wenn sie damit etwas Gute tut und anderen helfen kann. Und so hexen wir uns mit dem Zauberwort »Hex, Hex!« die Welt zurecht. Bei derartigen Spielen überkommt mich die Fantasie, tatsächlich eine Hexe zu sein, die durch ihre Fähigkeiten die Justiz zur Neutralität zwingt und folglich der Gerechtigkeit verhilft. Freudig würde ich Jens ins Leben zurückholen.
Sassa versteht es, auf ihre Art das Diesseits mit dem Jenseits zu verbinden. Wir stehen auf dem überdachten Balkon, bauschige, tief hängende Wolken verdunkeln die Umgebung. Ein Gewitter zieht über uns hinweg. Wir beschwören es mit unserem »Hex, Hex!«, lauter zu dröhnen. Theatralisch schwenken wir wie Bibi Blocksberg die Hände nach vorn. Es klappt tatsächlich. Ein gewaltiger Donnerschlag wummert auf uns hernieder. Eine Schrecksekunde vergeht, bevor sie erlöst auflacht und sagt: »Der Onkel Jens trommelt da oben im Himmel.«
In solchen Momenten bin ich überzeugt, dass er uns, von wo aus auch immer, beobachtet.
© Brigitte Voß


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