Einige Monate nach dem Flugzeugabsturz saß uns ein Journalist eines bekannten Nachrichtenjournals gegenüber. In seiner Intervieweröffnung drückte er sein Beileid aus und meinte: »Ich weiß genau, wie sie sich fühlen. Ich habe bereits ähnliche Gespräche geführt.«
»Nein, das können Sie nicht!«, rutschte es mir spontan heraus.
Jetzt, drei Jahre später, würde er womöglich erwarten, dass wir wieder optimistisch und voller Pläne in die Zukunft schauen.
Trauer wird von der Gesellschaft nur für einen kurzen Zeitraum akzeptiert. Danach wird es für die meisten unangenehm, wenn man darüber sprechen möchte. Erlebe ich derartiges, komme ich mir fremd vor, irgendwie deplatziert. Die Trauerverarbeitung wird erschwert.
Dabei kennen wir viele Angehörige, die dasselbe Schicksal erleiden mussten. Anfangs hat das Zusammensein mit ihnen geholfen. Doch es ist wie im normalen Leben, zu bestimmten Personen fühlt man sich mehr hingezogen, zu anderen weniger. Grüppchen bilden sich. Das ist menschlich.
Besonders spüre ich noch die Gemeinsamkeit zu den Jahresgedenken, obwohl mein Mann und ich einen individuellen Weg eingeschlagen haben, da wir Ruhe und Besinnung an solch einem Tag dringend benötigen. Natürlich schließt das die Gespräche mit den anderen keineswegs aus.
Die Gruppe gibt uns das Gefühl, dass wir mit dem Schmerz um den gewaltsamen Tod unserer Lieben nicht allein sind. Das hat zweifellos Vorteile, denn unter Gleichgesinnten fühlt man sich verstanden. Man kann unbefangen miteinander reden, den Tränen freien Lauf lassen, ohne befremdliche Blicke des Zuhörers zu ernten. Allerdings ist man von gewissen Zwängen abhängig. Entscheidet sie mehrheitlich etwas anderes, ist es klar, dass man sich dem Entschluss fügt. Das hat zur Folge, dass essentielle Beschlüsse, die die Trauer betreffen, nicht immer so verlaufen, wie man es sich für sich wünscht, so im Fall des Gedenkelementes an der Absturzstelle. Der Ort des Sterbens von Jens ist uns nun mal wichtig.
149 Menschen kamen auf dieselbe Weise ums Leben. Niemals zuvor habe ich so viele Trauernde in relativ kurzer Zeit kennengelernt. Durch den Austausch über unsere Situation habe ich gelernt, dass es weder vorgeschriebene Muster, noch einen Plan gibt, den man in der Trauerbewältigung »abarbeitet« und mit dessen Hilfe ersichtlich wird, auf welcher Stufe man sich darin bewegt. Gern würde ich wissen, wann der Schmerz aufhört.
Was dem einen guttut, kann sich für andere Trauernde negativ auswirken. Die Hinterbliebenen trauern ihrem Naturelle entsprechend tief und lange. Vielleicht spielt es eine Rolle, wen man für immer verliert – das Kind, die Eltern, die Großeltern, den Lebensgefährten, den Bruder oder die Schwester … – sicher weist jede Gruppe gewisse Spezifika auf.
Ich kann nur von mir reden. Es ist, als wäre aus meinem Inneren irgendetwas Wesentliches herausgerissen. Eine Wunde klafft und niemand schafft es, sie zu schließen, am wenigsten ich. Jens war unser eigen Fleisch und Blut. Wir haben ihn durch all seine Entwicklungsphasen begleitet, uns mit ihm gefreut und mit ihm gelitten.
Seit dem mörderischen Flugzeugabsturz hat sich das Leben geändert, ich fühle mich ungemein gealtert, bin es wohl auch an Jahren. Zu allem muss man sich aufraffen – die Antriebslosigkeit lässt grüßen, die Energie fehlt. (Sprachenlernen, einst mein großes Hobby, ist nach wie vor unmöglich, obwohl ich die Französischkenntnisse auffrischen sollte. Die Bewohner der Absturzregion in Südfrankreich sprechen zumeist nur Französisch.)
Meinem Mann ergeht es ähnlich, nur dass er es ablehnt, äußere Hilfen wie Psychotherapie oder Gesprächskreise, beispielsweise für verwaiste Väter, zu besuchen. Sein Leid verläuft für die Mitmenschen schweigsamer. Wir kennen uns lange genug, sodass ich spüre, wie er sich fühlt, und reden.
Meine Psychologin bestätigt, dass sie mehr von Frauen aufgesucht wird als von Männern. Doch sei eine Tendenz zu verzeichnen, dass zunehmend jüngere zu Gesprächen mit ihr bereit sind.
»Männer, die die Trauer in sich hineinfressen, landen eher im Knast oder nehmen Drogen ein, als das sie sich einer Therapie unterziehen«, ist die drastische Ansicht eines Trauerhelfers, die ich zu hören bekam.
Bei einer Gewalttat, wie sie bei uns vorliegt, ist es schwer, seinen inneren Frieden zu finden. Vorsätzlich wurden die Menschen an Bord an einen Felsen geschmettert. Allein das zu verarbeiten ist Schwerstarbeit. Das niemand die Verantwortung für die Fehler, die dazu geführt haben, übernimmt, hat mir den Glauben an das Land meiner Geburt genommen.
Trotzdem dürfen wir nicht klagen, denn die Enkel reißen uns stets aus der größten Lethargie heraus.
Für mich geht das Leben weiter, ist aber leider nicht mehr dasselbe.
Doch was musste Jens in seinen letzten Lebensminuten ertragen? Bei diesem Gedanken relativiert sich alles.
© Brigitte Voß
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