25.03.2018, Sonntag – der Tag danach (drittes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 5)

Den Vormittag verbringen wir zusammen mit Freunden, deren Sohn und Schwiegertochter mit dem todbringenden Airbus flogen. Wir wandern in aller Ruhe zur Aussichtsplattform, um von dort auf die Absturzstelle zu schauen. Die Sonne umschmeichelt den Ort des Sterbens, der die Augen bannt. Wäre es nicht besser, wegzuschauen, um Seelenfrieden zu finden? Möglicherweise denken das Außenstehende. Das Gegenteil ist der Fall. Durch das Hinschauen kommen wir ihm näher, weil wir uns aktiv mit dem zu frühen und gewaltsamen Tod unserer Kinder auseinandersetzen wollen, müssen, können, sollen … (ich weiß nicht, welches Verb auf mich zutrifft).
Wir suchen den Friedhof auf. Auf dem Rückweg legen wir eine kleine Rast im Bistro ein, trinken Espresso und bekommen von den freundlichen Betreibern sogar einen Kräuterschnaps spendiert mit der Bemerkung, er sei gesund, weil aus der Natur. Er hat es in sich.
Wir gehen zum Zeltplatz, um Ed und Astrid zu begrüßen. Wie immer werkeln sie auf dem Gelände herum, um alles für die kommende Saison in Ordnung zu bringen. An der Rezeption entdecke ich einen blauen Schmetterling mit Wanderschuh. Ein Gruß von Jens.Ich checke meine E-Mails und erfahre aus dem Internet, dass am heutigen Tag Carles Puigdemont, der ehemalige katalanische Regionalpräsident, bei der Einreise von Dänemark nach Deutschland an einer Autobahnraststätte festgenommen wurde. Grundlage dafür ist ein europäischer Haftbefehl. Gegen ihn wird in Spanien wegen des Unabhängigkeitsreferendums im Oktober und wegen Rebellion ermittelt. Er wird im Ausland von der spanischen Justiz verfolgt und ausgerechnet Deutsche nehmen ihn fest. Ihm droht ein Auslieferungsverfahren.
Wupps.
Und schon befinden wir uns inmitten dieses Konflikts, da wir eine katalanische Familie kennen, die dasselbe Schicksal erleiden musste wie wir und die sich zudem zeitgleich Le Vernet aufhält. Wir werden sie nachher treffen. Bei dem Gedanken ist mir nicht wohl, schließlich sind wir deutsch.
Während der gestrigen Trauerfeier betrat eine Angehörige das Rednerpult mit einer gelben Schleife am Revers. Mittlerweile weiß ich, dass sie ein Zeichen der Solidarität mit den in Barcelona inhaftierten Separatisten ist, die aufgrund der Unabhängigkeitsbestrebungen von Katalonien im Gefängnis sitzen.
Wir betreten den Aufenthaltsraum für uns Hinterbliebene. Die Familie begrüßt uns freudig. Sie sind weit entfernt, uns spüren zu lassen, dass wir aus Deutschland kommen, obwohl sie über die Neuigkeiten informiert sind. Ich atme auf. Sie zeigen uns auf YouTube Videos von Demonstrationen für die Unabhängigkeit Kataloniens, in denen die spanische Polizei mit Gummigeschossen auf die Köpfe von Demonstranten zielt und brutal auf die Menschen einprügelt. Derartige Geschosse sind verboten, da sie zu schwersten Verletzungen führen können.
Es ist kein Wunder, dass sie diese Bewegung unterstützen. Sie mögen ihre politischen Gründe haben. Zusätzlich motiviert sich Ihre Solidarität mit dem Separatistenführer auf persönliche Begegnungen mit ihm. Der Bruder des Opfers sowie weitere Hinterbliebene saßen mit Puigdemont an einem Tisch, um Pläne auszuarbeiten, die eine Wiederholung des Fluges 4U9525 erschweren sollen. Derzeit läuft in ihrer Heimat ein Testversuch zur Schweigepflicht der Ärzte.
Der Vater folgt mir in den Gedenkraum. Er interessiert sich für die Hintergründe, für die Geschichten der Toten. Er hört aufmerksam zu, wenn ich Bescheid weiß. Umgekehrt ist es genauso. Unsere Söhne sind im Alter von siebenunddreißig Jahren auf einer Dienstreise mit dem Flugzeug abgestürzt.
Wir verabschieden uns mit der Hoffnung, uns zum Jahresende erneut in Le Vernet zu treffen.
© Brigitte Voß


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