Die Nacht hätte ich das Bett am liebsten aus dem Fenster geworfen. Dabei trage ich selbst Schuld, wenn ich die Gedanken nicht zur Ruhe bringen kann.
Heute vor drei Jahren ist Jens gestorben. Ständig schaue ich auf sein Foto, dass wir aus Leipzig mitgebracht haben. Davor habe ich einen Papierschmetterling gelegt, den ich nach einer Origami-Anleitung angefertigt habe. Das Falten von Schmetterlingen ist mein neuester Spleen und beruhigt.
Von unserer Ferienwohnung in Digne ist es nicht weit zur Kathedrale, in der die Gedenkfeier stattfinden wird.
Wir sind etwas zeitig eingetroffen. Von den Angehörigen ist noch niemand anwesend.
Ein Medienvertreter postiert eine Kamera gegenüber des Eingangs.
Wir warten, bis die Busse aus Aix-en-Provence mit den Familien eintreffen. Wir nicken uns zum Gruß zu oder umarmen uns. Ich bin nicht bei mir. Wir wechseln nur wenige Worte. Jeder hat mit seinen Gefühlen zu kämpfen. Wir passieren die Eingangskontrolle und setzen uns in die zweite Reihe.
Plötzlich kommt Herr Spohr vor die Bühne, um die Geistlichen, Pfarrerin Christiane Vetter, Evangelische Kirche im Rheinland, Pater Christian Dieckmann OSB, Benediktinerabtei Kornelimünster Aachen, sowie Jean-Philippe Nault, Bischof von Digne, zu begrüßen.
Ich friere.
Die Veranstaltung beginnt. Zunächst singt der Chor »Le Chœur de la Blanche«, der seit dem ersten Jahresgedenken dabei ist. Die Leiterin der Angehörigenbetreuung von Germanwings, mit der wir vor der Kathedrale sprachen, meinte, es sei den Sängern ein tiefes Bedürfnis vor den Hinterbliebenen zu singen. Ich mag ihren Gesang.
Das Air von J. S. Bach erklingt. Ein Grußwort des Bischofs von Digne folgt. Eine spanische Angehörige betritt das Rednerpult. Die Übersetzungen erfolgen ins Deutsche, Spanische, Katalanische, Englische und Französische. Ich kann dem Inhalt ihrer Rede kaum folgen. Mein Kopfkino spielt diesen unvermeidlichen Film ab. Jens sitzt im Flugzeug. Die Schläge an die Tür zum Cockpit mit einem harten Gegenstand – hat er sie gehört? Die Rufe des Piloten? Er beobachtet, wie die Berge näher kommen, größer werden, bis sich ihre Gipfel nicht unter ihm befinden, sondern die Flughöhe des Airbusses überragen. Er sieht die Felsen direkt neben sich, er saß am Fenster. Die Maschine rast mit Höchstgeschwindigkeit an ihnen vorbei. Schreit er? Wimmert er? Hat er die Augen geschlossen? Ist er ohnmächtig? Oder hat er eine Schutzhaltung eingenommen, vornübergebeugt, den Kopf auf die Knie? Gleich wird es einen fürchterlichen Aufprall geben … Jens existiert nicht mehr. Hat er noch einen letzten Gedankenfetzen gehabt?
Ein Gebet. Wir erheben uns von den Plätzen. 10.41 Uhr – die Gedenkminute in Erinnerung an die Opfer von Flug 4U9525 beginnt mit einem Glockenschlag – dem Todesgong. Schweigen. Schluchzen. Ich weine. Warum? Warum? Warum? Er hat doch niemandem was getan! Jens stirbt zum dritten Mal nach seinem Tod. Ein zweiter Gong zeigt das Ende der Minute an. Wir setzen uns.
Musik.
Die Namen unserer armen Lieben werden verlesen. Niemals sollen sie vergessen werden.
Musik.
Ich beruhige mich ein wenig. Erst jetzt fällt mir auf, dass im Unterschied zu den vergangenen Jahresgedenken die Namen nicht mehr strikt nach dem Alphabet vorgelesen worden sind, sondern entsprechend der Zusammengehörigkeit. Die Halterner Gruppe sowie die Lebenspartner wurden nicht wieder auseinandergerissen. Auch ein ungeborenes Kind ist benannt worden. Das ist eine echte Verbesserung.
Eine Mutter betritt die Bühne. Sie erzählt von ihrem Sohn, der in der Maschine saß. Geistliche kommen zu Wort. Pater Dieckmann spricht von Gebeten, die die Mauern der Kathedrale über die Jahrhunderte hinweg in sich aufgesogen haben. Das ist eine verblüffende Vorstellung. Wie viel Leid, Hoffnung und Flehen haben sie in all der Zeit hören müssen und tief in ihrem Gestein verschlossen? Wenn sie reden könnten …
Das Vaterunser wird von den Anwesenden in ihren Muttersprachen gemurmelt.
Der Abschluss »Three Hearts« von max is alright ertönt. Die junge Band hat bei dem Absturz ihre Freunde Sebastian, Larissa und Christopher verloren. Sie widmeten ihnen einen eigenen Song und setzten damit ein Denkmal.
Langsam erheben wir uns und verlassen die Kirche.
© Brigitte Voß
(Fortsetzung folgt)
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