23.03.2018, Freitag – Vortag (drittes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 2)

Wir waren bereits gestern in Le Vernet, haben den Gedenkraum aufgesucht und den Friedhof. Jens war stets bei uns.
Heute wollen wir versuchen, so nah wie möglich an die Absturzstelle heranzukommen. Mit dem Mietwagen fahren wir bis zum Parkplatz, wo wir ihn stehen lassen. Weiter wagen wir es nicht, obwohl die Schranke geöffnet ist. Die Fahrzeuge der Autovermietungen vom Marseiller Flugplatz sind leider nicht mit Winterreifen ausgestattet. Während im Tal kaum Schnee liegt, ist die Piste mit glänzendem Weiß überzuckert, teilweise wurde gestreut.
Wir stiefeln bergauf. Die Berge, die uns mit ihren schneebedeckten Felsen unter dem stahlblauen Himmel anlachen, wollen mir Mut zusprechen. Allerdings ist mein Herz schwer angesichts des bevorstehenden erschütternden Jahrestages. Ein Trost ist, dass ich wieder schmerzfrei laufen kann. Ich bin dem Chirurgen außerordentlich dankbar. Ohne seine Künste hätte ich es niemals mehr ins Hochgebirge geschafft, niemals mehr zu Jens. Für mich wäre das unmöglich gewesen.Wir sind am Col de Mariaud angelangt und legen eine kleine Rast ein. Die Luft ist rein, kalt und klar. Die Sonne prasselt. Ein Auto nähert sich und stoppt. Der Fahrer leiert sein Fenster herunter. Uns schallt ein akzentbeladenes »Jens« entgegen, weil er sichergehen wollte, dass wir die Eltern sind. Wir freuen uns, dass wir die spanische/katalanische Familie wiedersehen, denn während der letzten Begegnungen haben wir uns recht gut kennengelernt. Ihr Sohn stürzte im gleichen Alter ab wie unser Jens. Der Vater setzt die Fahrt bis zu Schranke fort und stellt sein robustes Fahrzeug ab. Das Paar steigt aus und geht zu Fuß. Wir werden uns noch sehen.Wir machen uns ebenfalls auf den Weg. Er führt hinab zur Aussichtsplattform. Wir trippeln am Rand entlang, um etwas Halt im Schnee zu finden.
Zwei Frauen nähern sich, wir erkennen sie. Ihr Bruder saß in dem Flugzeug. Herzliche Begrüßung, mein Mann rutscht vor ihren Füßen aus. Glücklicherweise steht er lachend wieder auf. Ein Mitarbeiter der Lufthansa taucht vor uns auf und streut Sägespäne. Wir wechseln ein paar Worte und wandern weiter. Die ersten Ausblicke auf die Felsen, an die die Maschine prallte, lassen uns verharren. Wir schweigen. Das katalanische Ehepaar kommt auf uns zu. Lange Umarmung, sie lässt mich nicht los. Ich streiche ihr über den Rücken. Sie haben sich ein Hotelzimmer in Seyne-les-Alpes organisiert, wollen fern des Trubels sein.
Zeitweilige Verabschiedung.
Das Denkmal an der Absturzstelle blinkert zu uns herüber. Es kann sich anstrengen, wie es will, ich werde es nie mögen. Sein Gold ist krass daneben, gehört nicht in die Natur. Jede Aussicht darauf verhindert den Kontakt mit Jens. Es lenkt ab. Mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss mich daran gewöhnen.
Auf der Aussichtsplattform, die einen umfassenden Blick auf den Ort des Sterbens und auf das Tal, durch das das Flugzeug flog, ermöglicht, sind wir allein. Das so genannte Sonnentor aus Cortenstahl, welches die Kugel aus der Ferne einrahmt, ist effektreich und hätte als Gedenken gereicht. In die beiden seitlichen Innenflächen des offenen Torbogens sind die Absturzkoordinaten ausgearbeitet (gestanzt, gesägt, gebrannt?). Durch die Flugnummer an der oberen Fläche des Tors strahlt der blaue Himmel.Der Weg vom Aussichtspunkt zur Absturzstelle ist wegen des Schnees nicht begehbar, sodass wir besser umkehren.
In Le Vernet herrscht geschäftiges und fröhliches Treiben. Die Mitarbeiter der Lufthansa bereiten den morgigen Tag vor, denn nach dem Trauergottesdienst werden die Angehörigen in bereitgestellte Busse steigen, die sie von Digne nach Le Vernet bringen.
Wir hingegen sitzen lange auf der Bank vor dem Grab und starren auf den Namen von Jens. Links vor unseren Füßen liegen eingeschweißte Zettelchen, die die Stellen markieren, auf die die Vertreter von Politik und Lufthansa während einer Zeremonie die Kränze ablegen sollen.
Im Gedenkraum treffen wir die katalanischen Eltern. Sie sind geknickt. Wir setzen uns dazu. Morgen ist der furchtbare Tag.
© Brigitte Voß


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