Gestern sind wir in Südfrankreich angekommen. Wir haben uns in Digne-les-Bains eine Ferienwohnung genommen. Die meisten Angehörigen werden sich in den von Lufthansa vorgesehenen Hotels in Aix-en-Provence unterbringen lassen, erst morgen anreisen und normalerweise am Fünfundzwanzigsten wieder abreisen.
Wir haben die Zeit und können daher den Jahrestag an den Germanwings-Absturz wie das letzte Mal etwas besinnlicher angehen – Glück im Unglück.
Wir warten auf das Gepäck, das nicht mit uns in Frankreich gelandet ist. Wir glauben, den Grund zu wissen. Wir stiegen planmäßig in München um. Die Zeit war knapp. Wir hasteten durch den Airport zum Gate für den Weiterflug nach Marseille, nur um festzustellen, dass wir in denselben Flieger einsteigen mussten, welchen wir soeben verlassen hatten. Allein der Satz klingt verwirrend. Auf unseren Tickets waren sogar dieselben Platznummern vorgesehen. Eine Flugbegleiterin erkannte uns, weil sie uns kurz vorher in derselben Maschine nach München betreute. Irgendwie kamen wir uns verklapst vor. Sie beteuerte, dass es in derartigen Fällen erforderlich ist, dass alle Passagiere das Flugzeug verlassen und erneut am Bording zum Zielort teilnehmen müssen. Darin sitzen zu bleiben oder daneben zu warten ist nicht erlaubt. Mit Not hatten wir den Anschlussflug mit Wechsel in denselben Flieger mit demselben Gate geschafft und beruhigten uns rasch. Der Zustand hielt leider nicht lange an, denn man hatte unsere Koffer in München offensichtlich mit ausgeladen und nicht wieder in die Maschine zurückgeladen. Daher kauften wir gestern Abend in Digne notwendige Dinge wie Zahnpasta, Zahnbürste usw. ein.
Das Gepäck soll heute von einem Kurierdienst nachgeliefert werden. Ein Mitarbeiter rief uns bereits an, doch sein nuschelndes Französisch habe ich bei der knackenden Verbindung kaum verstanden. Außerdem weiß ich nicht, wie er uns finden kann, weil wir auf dem Flugplatz keine exakten Daten zur Lage der Ferienwohnung angeben, sondern nur das Gebiet eingrenzen konnten. Uns umgeben eine Menge Häuser, deren Rezeption schwer zu entdecken ist.
Das alles trägt nicht zu meinem Seelenfrieden bei. Ich stehe seit einigen Wochen unter Strom. Der Todestag von Jens naht mit Riesenschritten. Ich lache auffallend viel, obwohl ich deprimiert bin. Einerseits spüre ich in Le Vernet die mystische Nähe von Jens, andererseits ist der Anlass unseres Hierseins ein extrem quälender. Trotzdem er niemals zurückkommt, stelle ich mir zunehmend vor, wie er die Wohnzimmertür öffnet und hereinkommt. Wir würden uns in den Armen liegen, ich würde durchdrehen und hysterisch schluchzen. Aber das wäre fantastisch. Die Hauptsache er lebt und ist wieder bei uns! Die Wirklichkeit ist brutal.
Mein Mann steht auf dem Balkon und entdeckt wahrhaftig Fahrer eines Kurierdienstes, die suchend die Straße entgegenkommen. Er flitzt hinunter und kommt mit den Koffern zurück. Wenigstens das hat geklappt.
Das Jahresgedenken findet wie im vergangenen Jahr in der Kathedrale Notre-Dame-du-Bourg von Digne im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes statt und wird von der Lufthansa organisiert.
Wir wurden niemals gefragt, ob wir eine religiöse Ausgestaltung wünschen, oder eine, die sich an alle wendet. Unter uns Angehörigen befinden sich Moslems, Juden, Buddhisten, Shintoisten … . Ich fühle mich ein wenig ausgegrenzt, da ich nicht bete und kein Kirchgänger bin. Seit der Katastrophe stolpere ich über den Satz: »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« In der besseren Zeitrechnung hatte ich das Vaterunser aus purer Toleranz mitgemurmelt, wenn ich aufgrund irgendeines Ereignisses aufgefordert wurde, jemanden in die Kirche zu begleiten. Seit der Flugzeugkatastrophe haben Hinterbliebene oft die Frage gestellt, wieso Gott solch ein grausames Verbrechen zulässt. Ich wiederum würde angesichts des Glaubensbekenntnisses gern erfahren, ob er auch Mördern verzeiht, denn ich kann es niemals. Mein Kind lebt nicht mehr.
Ich bin sicher, dass den Opfern von Gewalt oder sonstiger Tragödien sowieso in ihren Gemeinden gedacht wird, sodass es infolge der rasanten Globalisierung fraglich ist, wenn in Deutschland die Kirche die Trauer für sich vereinnahmt.
(Andersherum: Wie wäre einem christlichen Hinterbliebenen zumute, der aufgrund der Umstände einer Katastrophe seinem verstorbenen Angehörigen in einer Moschee gedenken müsste?)
Ich würde eine neutrale Ausgestaltung der Trauerakte bevorzugen, doch im Fall Germanwings stehe ich damit ziemlich einsam auf weiter Flur. Die meisten Familien stammen aus dem westlichen Teil des Landes sowie aus Spanien. Daher ist anzunehmen, dass sie den Trauergottesdienst begrüßen.
Trotzdem die bisherigen Feierlichkeiten zum Flugzeugabsturz würdig waren und die Geistlichen der Toten mit ergreifenden Worten gedachten, kann ich mich nicht voll identifizieren.
© Brigitte Voß
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