Meine Mutti würde in diesem Monat ihren 91. Geburtstag feiern, hätte sie nicht das Glück gehabt, ein Jahr bevor Jens in dem Flieger abstürzte, zu sterben. Ich bin froh, dass sie und ebenso mein Vati den Tod des Enkels nicht erleben mussten.
Mit ihrem Ableben sind die Menschen von mir gegangen, die mich seit der Geburt begleitet haben. Mögliche interessante Dinge aus meiner Kindheit können sie mir nie mehr mitteilen. Sie sind für immer verschwunden. Die Erinnerung fehlt, weil ich damals noch zu klein war. Damit ist ein Teil des vergangenen ICHs gestorben. Allerdings ist mir das jetzt egal. Jens ist tot. Er steht im Vordergrund.
Im Grab unseres Sohnes befinden sich auch die Urnen meiner Eltern. Stehe ich davor, denke ich nur an ihn. Gehe ich nach Hause, winke ich stets zum Abschied und sage: »Tschüss Jens.« Wo bleiben da die Eltern? Erst neulich ist es mir bewusst geworden. Die Trauer um sie ist erheblich gestört, obwohl sie wichtige Begleiter an meiner Seite waren, nicht nur er. Ohne sie würde ich nicht existieren oder wäre nicht das, was ich bin. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Das belastet. Trotzdem bin ich auf Jens fixiert. Ich versuche seit der Katastrophe, das früheres Dasein fortzuführen, aber es misslingt. Nicht nur ein Teil davon ist verschwunden, das gesamte alte Leben ist weg. Der Schock über das abrupte Ende von Jens und die Art seines Sterbens haben mich zutiefst berührt und verwandelt, ich entscheide und handle nach veränderten Grundeinstellungen. In Bezug auf Leid bin ich sensibler …
Gern sprechen die Wissenschaftler von einer inneren Uhr, die sich dem Hell-Dunkel-Rhythmus der Umgebung anpasst, um uns auf Schlafen oder Wachsein zu programmieren. Das Thema spielt aktuell bei der Diskussion über die Abschaffung der Zeitumstellung zwischen Winter und Sommer eine Rolle.
Könnte es nicht sein, dass die innere Uhr weit mehr kann? Dass sie uns an vergangene Zeiten erinnert, uns etwas mitteilt, indem sie wie ein Wecker Gefühle wachrüttelt und uns dadurch zu Handlungen verleitet, ohne dass wir den Grund dafür wissen?
Ich erinnere mich: Es war ein stinknormaler Tag, nur war ich außergewöhnlich unruhig und das seit dem Vorabend. Ich konnte mir das nicht erklären. Ich veröffentlichte in verschiedenen Netzwerken des Internets Trauerbildchen, dazu noch ein Foto, das ich an der Absturzstelle aufnahm, mit einer Intensität, die mich selbst verwunderte. Eine Hinterbliebene des Flugzeugabsturzes wies in einem Kommentar darauf hin, dass vor zwei Jahren die Beerdigung der nichtidentifizierten menschlichen Überreste in Le Vernet stattgefunden hatte. Mir war das beim Posten der Bilder nicht bewusst, hatte es wohl verdrängt.
Schlagartig fiel mir die Unterhaltung mit einer Psychologin ein. Ich haderte mit der Künstlichkeit der Zeit, die unerbittlich Gedenktage markiert, die quälen. So in dem Sinne: Hätte der Mensch sie nicht an den Lauf der Gestirne angepasst, um Kalender zu erschaffen, gäbe es kein Datum für solcherart Tage. Man könnte sie in der Versenkung verschwinden lassen, oder in eine dunkle Ecke verbannen, um sie nur zu sehen, wenn man es wünscht. Das dritte Jahresgedenken naht und ich beobachte die Vierundzwanzig auf dem Kalender, die den Tod von Jens anzeigt, wie sie erbarmungslos vorwärtsrückt. Bereits damit ergeht es mir schlecht. Ist sie erreicht, schlägt sie brutal zu.
Die Fachfrau antwortete kurz und bündig: »Sie würden es auch so bemerken. Meine Schwester hat ihre kleine Tochter an den Krebs verloren. Damals führte sie ein Tagebuch. Ihr ging es einmal besonders miserabel, ohne das sie wusste warum. Zufällig fand sie in den schriftlichen Erinnerungen den Grund. Ihre Tochter musste genau drei Jahre zuvor die hässlichen Nebenwirkungen einer Chemotherapie erleiden.« Ich staunte und sie fügte noch hinzu: »Es ist wie eine innere Uhr. Ähnliches passierte meiner Schwester öfters.«
So gesehen, folgen Handlungen und Gefühle einem Schema, das uns nicht immer bewusst ist. Es spielt keine Rolle, ob die Zeit künstlich ist oder nicht. Letztendlich ist sie eine Abfolge von Ereignissen, von denen jeder Moment mit unterschiedlicher Tiefe in die Gehirnwindungen gespeichert wird.
Später berichtete eine Physiotherapeutin, deren Tochter an einer schlimmen Krankheit starb, von einem vergleichbaren Erlebnis: »Eines Tages überfiel mich plötzlich das ganz große Heulen. Es war furchtbar. Ich konnte es mir nicht erklären, bis ich entdeckte, dass Lisa exakt vor sechs Jahren ihre große Operation hatte. Egal wie sehr der Kopf solche Tage verdrängt, das Unterbewusstsein vergisst sie leider nie.«
© Brigitte Voß
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Liebe Frau Voß,
ich lese regelmäßig Ihren Blog und fühle mit Ihnen.
Dieser Beitrag hat mich umso mehr berührt, als daß ich am 26. 09. 2018 meinen Papa und 1994 meine Mama verloren habe und nun auch das Gefühl habe, meine Vergangenheit sei weg. Es tut gut, den Schmerz zu teilen.
Ich wünsche Ihnen alles Beste für 2019!
Herzliche Grüße aus Tirol
Ihre
Sabine
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