Seit unser Jens in dem Germanwings-Airbus einen gewaltsamen Tod erleiden musste, lassen mich Themen, die sich mit Gewalt und Mord beschäftigen, nicht mehr los. Ich setze mich mit dem Geschehen auseinander, um mein Schicksal besser zu erfassen und das Weiterleben bewusster steuern zu können. (Ich stehe immer noch auf wackligen Füßen.) Ich leide mit den Opfern, wobei ich Jens vor mir sehe. Mir helfen die Aussagen von Angehörigen, die ihre Lieben durch eine Gewalttat verloren haben. Ich bin ihnen nah, verstehe ihre Reaktionen und Gefühle. Das tröstet auf wundersame Art und Weise.
Im Fernsehen wurde der Zweiteiler »Gladbeck« ausgestrahlt, der an das Geiseldrama in der Kleinstadt erinnert. Vor dreißig Jahren, am 16.08.1988, entwickelte sich aus einem normalen Bankraub eines der schwersten und leider auch der spektakulärsten Verbrechens Deutschlands. Die achtzehnjährige Silke Bischoff und der vierzehnjährige Italiener Emanuele De Giorgi, der seine kleine Schwester beschützen wollte, wurden kaltblütig von ihren Geiselnehmern erschossen. Ein im Einsatz befindlicher 31-jähriger Polizist kam bei einem Autounfall ums Leben.
Wer sich für den genaueren Ablauf der chaotischen Irrfahrt samt Geiseln interessiert: siehe Wikipedia.
Zunächst flüchtete das Verbrecherduo mit Silke sowie einer weiteren Geisel in einem bereitgestellten Fluchtfahrzeug aus der Bank. Anschließend kaperten sie einen Bus mit über dreißig Fahrgästen und fuhren kreuz und quer durch die Republik mit einem Abstecher in die Niederlande. Das Martyrium der jungen Frau dauerte dreiundfünfzig Stunden, dass der Geiseln im Bus zwei fürchterliche Tage.
Wie lange kann man so etwas überhaupt aushalten? Tagelange Todesangst!
Augenblicklich schießen mir Äußerungen zum Germanwings-Absturz durch den Kopf. Ich bekam sie zu hören, weil man mich beruhigen wollte: »Es ging doch alles viel zu schnell, ehe Jens die Situation erfassen konnten, war er bereits tot.« … »Überleg mal, die Geschwindigkeit des Fliegers!« … – Ich glaube kein Wort.
Unendliche Stunden bangten die Angehörigen des Gladbecker Geiseldramas um das Leben ihrer Lieben. Nicht nur sie mussten die exzessive, gewissenlose Berichterstattung der Medien erdulden, sondern sogar die Opfer. Gierig umringten die Journalisten die Fluchtfahrzeuge, stiegen ein und führten Interviews. Hemmungslos richteten sie ihre Kameras auf die angstverzerrten Gesichter der Geiseln. Sie fotografierten die junge Frau, die mit starrer Miene die Pistole unter ihrem Kinn ertragen musste. Sie hoben den Kopf des sterbenden Emanuele, um ihn für die Aufnahmen besser ins Bild zu rücken, während er auf der Straße lag und verblutete. Ein Rettungswagen stand trotz der kritischen Umstände nicht bereit.
Die zukünftigen Mörder hielten überdies eine Pressekonferenz ab.
Waren es für die Entführten qualvolle Tage, die sekündlich mit dem Tod enden konnten, bot sich für die Reporter endlich die Sensation, die Story, mit der sie brillieren, Geld verdienen und breite Massen befriedigen konnten. Ihr Verhalten war fragwürdig. Parallelen zum Germanwingsfall tun sich auf:
Auch hier machten sich gewisse Medien zur Hure ihrer fanatischsten Leser, um deren Sensationsgier zu stillen. Bereits am Tag der Katastrophe lauerten Journalisten Angehörigen auf, die schockiert zum Düsseldorfer Flugplatz eilten, um Informationen zu erhalten. Es passierte, dass Hinterbliebene ihr Abbild in in- und ausländischen Zeitungen entdeckten, eines davon kenne ich. Der Fotograf zielte voll auf das Gesicht, das fassungslos in die Ferne schaute. Genehmigungen dafür lagen nicht vor. Die Betroffenen konnten zwar klagen, doch in Zeiten des Internets werden die Fotos für immer und ewig in seinen Tiefen aufbewahrt. Solcherart Reporter betrachteten uns nur als Objekte ohne Privatsphäre und Gefühle.
Angaben über die Opfer und deren Familien tauchten ungefragt in den Medien auf, so als wären wir eine öffentliche Einrichtung, aus der man sich ungeniert bedienen durfte.
Da man die »Gunst der Katastrophe« nutzen wollte, um höhere Einschaltquoten zu erzielen, verbreiteten angebliche Experten faktenlosen Blödsinn zum Absturz in zahllosen Interviews und Talkshows. Aufgrund noch fehlender Untersuchungsergebnisse wurde auf Teufel-komm-raus spekuliert. Wo blieb der Respekt unseren Toten gegenüber? Und vielleicht auch vor uns, die wir nach Informationen suchten?
In Haltern versuchten Journalisten mit unlauteren Mitteln, Schüler vor dem Gymnasium auszuhorchen.
Auf die Kolumne der Bildzeitung »Post von Wagner«, die am 25.03.2015 erschien, stieß ich zwei Jahre später. Trotzdem regte ich mich auf, wieso man solch einen respektlosen, geschmacklosen Wisch überhaupt verfassen, geschweige denn veröffentlichen konnte.
Solcherart Beispiele verleiten mich zu der Idee, dass entsprechende Berichterstatter dasselbe erleben sollten wie wir. Würden sie sich über ihr Verhalten schämen und endlich mal darüber nachdenken, was sie damit den Hinterbliebenen antun?
Zurück zu Gladbeck. Die Polizei ließ sich von den Reportern das Ruder aus der Hand nehmen. Sie verhandelten mit den Verbrechern und nicht mit der Staatsgewalt. Die Pannen, die während des dreitägigen Versuchs, die Entführten zu befreien, auftraten, waren beispiellos. Mehrere Zugriffsmöglichkeiten blieben ungenutzt. Zuständige Personen wälzten die Verantwortung unter sich hin und her. Für die Angehörigen muss das furchtbar gewesen sein, stand doch das Leben ihrer Lieben auf dem Spiel.
Weder die Journalisten, die sich unmittelbar in die Geiselnahme einmischten, und damit die Arbeit der Polizei massiv behinderten, noch Vertreter des Sicherheitsapparates wurden für ihre haarsträubenden Aktionen abgestraft. Letztendlich trugen sie Mitschuld am Tod der zwei jungen Menschen.
Der Staat konnte die Geiseln nicht schützen. Eine Entschuldigung den Angehörigen und Opfern gegenüber ließ dreißig lange Jahre auf sich warten. Es war Laschet, der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der um Vergebung bat.
Für die Hinterbliebenen des Fluges 4U9525 gab es bis jetzt kein einziges Wort der Entschuldigung darüber, dass sich dieser Flugzeugabsturz überhaupt ereignen konnte. Immerhin hätte der flugmedizinische Dienst Andreas Lubitz aus den Verkehr ziehen müssen, doch der Vermerk über eine Vorerkrankung wurde geflissentlich übersehen. Alle Flugzeuginsassen könnten noch am Leben sein. Die Betonung liegt auf ALLE. Um so schlimmer, dass niemand die Verantwortung für das Flugzeugdrama übernimmt. Germanwings/Lufthansa als Arbeitgeber des Copiloten schweigt. Seine behandelnden Ärzte haben nie eine Bemerkung an uns gerichtet, die Experten, die im Vorfeld seinen Gesundheitszustand begutachtet hatten, sind nicht an uns herangetreten. Sie verstecken sich hinter einer fragwürdigen Schweigepflichtsregelung. Von der Familie des Copiloten war nie ein Wort des Bedauerns über die Tat ihres Sohnes zu hören. Der 149fache Massenmord ist eben einfach so passiert. Versehentlich. Da zu erwarten ist, dass sich dergleichen in nächster Zukunft nicht wiederholen wird, hat der Mantel des Schweigens ein leichtes Spiel, wird dicker und dicker, bis Nicht-Betroffene die Katastrophe vergessen. Genau damit spekulieren sie, die Verantwortlichen. Ausschwitzen, nennt man das.
Die Geiselnehmer von Gladbeck, Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski bekamen eine lebenslängliche Haftstrafe.
Degowski, der den italienischen Jungen Emanuele erschoss, wurde im Februar dieses Jahres aus dem Gefängnis entlassen. Ihn stattete man mit einer neuen Identität aus, er lebt jetzt unter anderem Namen.
Rösner, der Silke auf dem Gewissen hat (er bestreitet die Tat), versuchte über mehrere Instanzen, die Produktion des Spielfilms zu verhindern. Er begründete, dass der Film seine Wiedereingliederung gefährden würde. Derzeit unterzieht er sich einer Psychotherapie, weil auch er den Knast hinter sich lassen möchte.
Den Verbrechern wurde und wird geholfen, den Hinterbliebenen offensichtlich nicht. Im Anschluss an das zweiteilige Drama »Gladbeck« wurde eine Dokumentation von Nadja Kölling, »Das Geiseldrama von Gladbeck – danach war alles anders« ausgestrahlt. Darin äußerte die Familie von Emanuele, sie habe keinerlei Entschädigung erhalten.
In der Reportage stehen die Sichtweisen der Angehörigen, Opfer sowie von Augenzeugen im Vordergrund.
Die Mutter der ermordeten Silke gab ein langes Interview im Stern: „Meine Tochter hätte überleben können“. Sie antwortete auf die Frage, ob man ihr nach dem Tod der Tochter geholfen habe: »Man riet mir, eine Therapie oder eine Kur zu machen, aber das wollte ich nicht. Das hätte keinen Zweck gehabt. Eher hätte ich eine Pistole gebraucht.«
© Brigitte Voß
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