Seit einiger Zeit setze ich mich mit dem Begriff der Empathie auseinander, weil ich ihr Nutznießer und Opfer geworden bin. Synonyme umschreiben ihn mit: Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, Feinfühligkeit, Anteilnahme, Verständnis, verpflichtendes Verhalten, u.s.w. Sie ist die Fähigkeit eines Menschen, sich in die Gefühle und Emotionen eines anderen hineinzuversetzen, sodass er im Falle eines schrecklichen Ereignisses mit ihm leiden kann. Empathie versucht zu verstehen, wieso Betroffene in entsprechenden Situationen so und nicht anders handeln, warum sie weinen, lachen oder zornig sind. Im professionellen Bereich, zum Beispiel im Marketing, wird sie zielgerichtet eingesetzt.
Im Internet diskutieren Fachexperten verschiedenartige Definitionsansätze. Offensichtlich lässt sich die Empathie nicht eindeutig kennzeichnen, da sie mit einer Gefühlswelt zusammenhängt, die von Mensch zu Mensch unterschiedlicher nicht sein kann.
Personen, die extrem empathisch sind, können sogar erkranken oder gar traumatisiert werden, wenn sie sich mit einem grässlichen Vorkommnis und dessen Folgen befassen. Durch ihr intensives Hineinverdenken und Mit-Leiden sind sie selbst mittendrin im Geschehen, was zu krankhaften Ängsten führen kann.
In meiner Kindheit erzählte eine Tante oft und äußerst bildhaft, wie ihr nach einer Bombardierung im Zweiten Weltkrieg der weiße Phosphor auf der Treppe des Wohnhauses entgegen waberte und wie sie darüber erschrak. Ich wachte damals schweißgebadet aus meinen nächtlichen Träumen auf.
Was ein Mangel an Empathie bewirken kann, zeigt das Beispiel der Germanwingskatastrophe. Hätte der Copilot nur ein Quäntchen Mitgefühl für die ihm anvertrauten Fluggäste und die Kollegen gehabt, wäre es niemals zu diesem Absturz gekommen. Von einem verpflichtenden Verhalten den Opfern gegenüber kann bei ihm keine Rede sein.
Die Katastrophe hat mich mit verschiedensten Menschen zusammengeführt. So wollte es der Zufall, dass ich in einer Klinik einen Mitpatienten kennenlernte, dessen auffallende Tätowierungen wesentliche Stationen seines Lebens widerspiegelten. Die kunstvoll dahingestochenen schwarzen Gitterstäbe eines Gefängnisses fielen mir sofort auf. Etwas später erfuhr ich, dass er in einem Hochsicherheitstrakt gesessen hatte. Wir unterhielten uns gern und oft, wobei mir eine Aussage in besonderer Erinnerung geblieben ist. Er meinte: »Ich habe mich selbst therapiert, indem ich mir vorgestellt habe, welchen Schmerz ich den Betroffenen zufügte und wie sie dadurch gelitten haben.« Bei der Ausführung seiner Straftaten hatte er solcherart Gefühle ausgeblendet, sonst wäre er nicht dazu fähig gewesen. Andererseits gibt es Gewalttäter, die gerade durch den Gedanken an die Qual ihrer Opfer angespornt werden, die Verbrechen zu planen, und die bei deren Umsetzung Befriedigung finden. Auch das hat etwas mit Einfühlungsvermögen zu tun. Schwarze Empathie … Ich stoppe an dieser Stelle den Schreibfluss, weil er mich in den Bereich der Spekulation führen würde, nämlich darüber, was Copilot Lubitz zu seiner Tat motiviert haben mag. Daher wende ich mich den angenehmeren Seiten der Empathie zu: Zum ersten Jahresgedenken wurden mein Mann und ich von Beileidsbekundungen wildfremder Menschen überschüttet. Ich hatte sie zwar wahrgenommen, war aber viel zu sehr mit dem gewaltsamen Tod von Jens beschäftigt, als dass ich deren Sinn begriff. Das änderte sich allmählich, und ich las sie im Nachhinein gründlich durch. Sie waren hilfreich, denn sie trösteten und spendeten Kraft. Ich entdeckte die zahlreichen Kondolenzseiten zur Germanwings-Katastrophe im Internet. Derzeit tendieren ihre Einträge gegen Null. Das ist verständlich. Es passiert zuviel Fürchterliches auf dieser Welt, das den Tod von 149 Menschen überlagert. Und unsere Gehirne sind vergesslich.
Diejenigen, die selbst Schmerz erlitten haben, können sich besser in das Leid der Betroffenen hineinversetzen. Ich erhielt Briefe, in denen sie von ihren eigenen qualvollen Erlebnissen und den damit verbundenen Problemen berichteten. Anfangs fand ich das belastend, weil ich außerstande war, mich auch noch mit fremder Verzweiflung zu befassen. Es war eine Art Selbstschutz. Mit der Zeit habe ich derartige Mitteilungen als helfende Solidarität empfunden, so in der Art: ›Da ist jemand, der hat wie ich ein schweres Los zu tragen. Ich bin nicht allein.‹ Mein Horizont erweiterte sich.
Einmal musste ich erleben, dass aus überschwänglicher, aber ernst gemeinter Empathie heraus Dinge versprochen wurden, die viel später nicht eingehalten werden konnten, weil der berechnende Verstand einsetzte. Das rief in mir zusätzlichen Schmerz hervor. Hier wäre eine gewisse Distanz hilfreicher gewesen.
Das Leben empathischer Menschen kann unter Umständen ungeplante Wege einschlagen, wie folgendes Beispiel zeigt: Nancy habe ich über meine »Seelenrisse« kennengelernt. Da im World Wide Web stets Vorsicht geboten ist, beäugte ich anfangs etwas misstrauisch die langen Emails der mir damals Unbekannten, in der sie mir ihre tiefe Anteilnahme zum brutalen Tod von Jens ausdrückte. Vertrauen schaffte, dass sie eine ferne Verwandte des durch den Flugzeugabsturz umgekommenen iranischen Sportreporters Hosein Javadi ist und ihre Worte aus aufrichtigem Herzen kommen. Zufällig begegneten wir uns persönlich. Jetzt sind wir befreundet. Ihre Empathie lässt sie nach Haltern fahren, kleine Grabdekorationen anfertigen und vor den Gräbern der Verstorbenen stehen. Sie zündet auf den öffentlichen Gedenkseiten des Internets virtuelle Kerzen für sie an. Sie spendet für Stiftungen und Vereine, die Opfer-Angehörige im Gedenken an ihre toten Lieben ins Leben gerufen haben. Zudem hat sie einen Kurs als Trauerbegleiter absolviert und die Prüfung zum Notfallseelsorger/Interventionshelfer erfolgreich bestanden. Anfangs war ich erstaunt, wieso sie ihr Dasein mit solch traurigen Dingen belastet. Mittlerweile hinterfrage ich das nicht mehr. Es ist eben einfach so.
Empathie ist eine Gabe der Natur. Ich glaube, dass man in der Lage ist, sie zu sensibilisieren, indem man seine Umgebung aufmerksamer beobachtet, das heißt, interessiert zuhört, hinterfragt, was man nicht verstanden hat, und so versucht, sich in fremde Situationen hineinzuversetzen … Um die Gefühle eines anderen zu verstehen, sollte man die eigenen nicht vernachlässigen.
Allerdings dürfte es ein hoffnungsloses Unterfangen sein, die emotionale Welt eines Menschen 100-prozentig zu erfassen, man kann sich ihr nur nähern. Und trotzdem ist die Empathie ein stabiles Band, das die menschliche Gesellschaft zusammenhält.
© Brigitte Voß
Entdecke mehr von SEELENRISSE
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
