13.01.2018, Sonnabend – Videos

Das neue Jahr ist angebrochen. Ich beäuge misstrauisch den Fortgang der Zeit, die sich wie ein dicker werdendes Polster zwischen Jens und mir stellt. Sie ist rücksichtslos. Die Direktheit seines Lebens, seiner Anwesenheit, seiner Stimme, der Glanz seiner Augen, das Gefühl, wenn er mich umarmte, verblasst mehr und mehr. Unerbittlich schwirrt sie in eine ungewisse Zukunft. Ich möchte sie für immer anhalten oder besser, ihren Richtungspfeil in die entgegengesetzte Richtung werfen, sodass sie sich bis zum freudigen Ziel rückwärts abspult. Jens würde wieder bei uns sein, und all das Schreckliche wäre aus der Erinnerung wie wegradiert. Stattdessen habe ich den Eindruck, dass sie mit zunehmendem Lebensalter schneller verläuft. Gemeinheit der Zeit!
Derartigen Fantastereien bin ich ausgesetzt. Sie sind sinnlos, führen zu nichts und machen nur noch wehmütiger und nachdenklicher. Kein Wunder, dass der Schlaf mich uninteressant findet und zudem mit Albträumen beglückt …
Ich erhalte eine traurige Mitteilung. Die Mutter eines der zwei iranischen Absturzopfer ist gestorben. Ihr Sohn Hosein saß mit seinem Kollegen Milad in dem mörderischen Airbus. Sie weilten wegen eines Fußballspiels (Real Madrid gegen FC Barcelona) in Barcelona und freuten sich mächtig, über den Clásico berichten zu können. Sie finanzierten die Reise aus der eigenen Tasche. Wie das unten erwähnte Video zeigt, waren die beiden mit Begeisterung bei der Sache. Ihre Sportreportage kam im Iran an, sie selbst, allerdings, sahen ihre Heimat nie wieder. Ich weiß von Nancy, einer entfernten Verwandten Hoseins, dass die Mutter seinen Tod nicht verkraftete. Eine überwunden geglaubte Krankheit brach durch den Kummer erneut auf. Ihr fehlten Energie und Wille, sie zu bekämpfen. Mit ihrem Sohn stürzte auch ihr Leben ab. Sie wollte einfach nur noch sterben. Die Familie konnte sie nicht umstimmen. Ihr Wunsch ging in Erfüllung.
In einem Interview, aufgezeichnet von der iranischen Tasnimnews im März 2015, ist sie am Ende eines Videos auf YouTube zu sehen. Die deutsche Übersetzung aus Farsi hat meine Freundin Nancy dankenswerterweise angefertigt, weil ich wissen wollte, was die Beteiligten zu sagen hatten.
Der Film zeigt den Schmerz der iranischen Hinterbliebenen. Er offenbart ebenfalls, dass das Leid keine Rücksicht darauf nimmt, welcher Kultur/Religion die Betroffenen angehören. Sie weinen in Afrika, Amerika, Asien, Australien und Europa um ihre Lieben, die nie wieder kommen. Die Entscheidung eines Einzelnen, hat die Biografien so vieler Menschen rund um den Erdball aus der Bahn geworfen, er hat sie für immer erschüttert und verändert.
Unterschiedlich mögen die Trauer- oder Todesrituale sein, jedoch der Kummer um den Verlust ist überall gleich. Wir alle gehören dem Menschsein an. Leider wird das zu oft vergessen.
Apropos YouTube: In meinem Blogbeitrag 19.12.2017, Dienstag – belastete Trauer berichtete ich, dass wir auf dem Portal mit einem Foto als Hintergrundbild für ein Video herhalten mussten, das versuchte, den Copiloten aus seiner Mörderrolle zu befreien. Noch vor Weihnachten erhielten wir auf unsere Beschwerde hin von YouTube die Nachricht, dass sie keinen Grund sehen würden, dieses herauszunehmen, worüber ich mich natürlich maßlos aufregte. Ein zweiter Protest führte zum Erfolg. Es wurde sogar der gesamte Account gelöscht, denn die dort geposteten Filme entbehrten jeglicher Realität.
Rufe ich jetzt den betreffenden Link auf, prangt mir folgendes Bild entgegen:18.01.03_You tube
Ich hoffe, das bleibt auch so.
© Brigitte Voß


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