31.12.2017, Sonntag – Silvester (Le Vernet 5)

Mittlerweile ist die spanische Familie im benachbarten Aufenthaltsraum eingetroffen.
Ich gehe durch den Verbindungsgang zwischen Aufenthalts- und Gedenkraum, um aus der Küchenzeile Trinkbecher zu holen.
Die beiden Kinder flitzen laut lachend hin und her. Leider können wir uns sprachlich nicht verständigen, da sie nur katalanisch reden. Das ist egal, denn im Spiel verstehen wir uns intuitiv. Auf dem Tisch türmen sich Tüten aus buntem Silberpapier. Ihr Vater reicht mir zwei und sofort hasten sie neugierig herbei, um zu erfahren, was sie enthalten. Doch wir alle dürfen sie erst gegen Mitternacht öffnen.
Er berichtet, wie schwer die Familie am Tod des Bruders zu tragen habe und wie zerrissen ihre Herzen seien. Außenstehende würden äußern, sie sollten endlich anfangen, wieder zu leben, nach vorn schauen und das Vergangene vergessen. Das kommt mir bekannt vor. Es spielt wohl keine Rolle, welcher Kultur/Religion wir angehören.
Seine Eltern hätten sich zurückgezogen und würden nicht mehr kommen.
Indessen waschen die beiden Frauen (die Ehefrau und die Verlobte des Verstorbenen) in der Küche Weintrauben ab. Er erklärt, dass es in Katalonien Brauch sei, sich bei jedem Gong der letzten zwölf Uhrschläge des Jahres, eine Traube in den Mund zu stecken.
Mit Umarmungen trennen wir uns.
Mein Mann wartet bereits im Gedenkraum auf mich. Jetzt sind wir allein mit den Toten. Sie lächeln uns aus Fotos entgegen, die in einer Zeit entstanden sind, als der Erdball sich noch auf harmonischen Bahnen drehte. Die freudigen Gesichter existieren nicht mehr auf dieser Welt.
Wir schalten das Licht aus. Dunkelheit umgibt uns. Nur die Kerzen werfen ihre flackernde Helligkeit in die Umgebung. Ich fühle die Blicke der Fotogesichter im Rücken, auf den Armen, überall auf der Haut. Sie bestürmen mich von allen Seiten und durchdringen meinen Körper. Sie sind tot und lachen. Ich bin traurig und glücklich. Mystische Momente. Die Luft schwebt elektrisierend zwischen uns. Jens ist unter uns. Wir sind schweigsam. Hin und wieder reden wir über ihn, was uns gerade so einfällt.
Kurz vor Mitternacht öffnen wir die Tüten, die uns die spanischen Freunde geschenkt haben. Sie enthalten bunte Halsketten aus Papier, eine grüne und rote Staniolperücke, die wir uns aufsetzen, Tröten, usw. Mit den Papierschlangen schmücken wir die Ablage von Jens und sein Foto. Mein Mann öffnet die Sektflasche, ich stelle einen gefüllten Becher vor das Bild von Jens. Wir stoßen an und sind zufrieden, wenigstens auf diese Weise den Jahreswechsel mit unserem Sohn verbringen zu können.
Draußen ist es ungewöhnlich ruhig. Keine Raketen oder Silvesterböller stören die beschauliche Stille, während in Deutschland Geschosse unter lautem Getöse und Geknalle den Himmel durchzischen und mit ihrem Qualm die Straßen verdunkeln. Sie verschrecken kleine Kinder, die Tiere, und der Feinstaub zerstört die Lungen.
Wir stehen noch lange vor der Stele und schauen auf die Bergkette. Der Mond wirft ein fahles Licht auf ihre schneebedeckten Gipfel. Es sieht gespenstisch, aber zauberhaft schön aus. Kein Menschenlaut dringt vom Dorf zu uns, wohingegen in der Heimat ausgelassen gefeiert wird. Offensichtlich versteht man es hier, Silvester in aller Besinnlichkeit zu begehen. Diese absolute Ruhe, mit der uns das Neue Jahr auf französischem Boden begrüßt, lässt uns die Nähe von Jens besonders spüren.
Wir zünden Kerzen an.

Bonne Année, lieber Jens.

© Brigitte Voß


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