
Am Nachmittag gehen wir zum Friedhof. Die Dorfstraße ist ungewöhnlich belebt. Die Einwohner haben Urlaub, die Kinder Ferien und die Skiurlauber erfreuen sich an den Pisten der Umgebung.
Wir können das Friedhofstor kaum öffnen, da es die hohe Schneedecke von der anderen Seite versperrt. An der Friedhofsmauer bedeckt sie wie ein weißes Grabtuch all die Fotos, Kerzen und sonstigen Grabdekorationen, die die Angehörigen für ihre Lieben im Laufe der Zeit platziert haben. Nur zwei Kreuze schauen heraus. Mein Mann kratzt mit bloßen Hände
n den harschen Schnee beiseite, um den Stein mit dem Namen und dem Geburtsdatum von Jens zu finden, den wir am Vortag aufgestellt haben. Der Steinmetz hatte ihn für uns auf den heimischen Feldern am Stadtrand beim Hundeausführen entdeckt und ihn stolz mit den Worten präsentiert: »Er sieht aus wie ein Berg.«
Das war merkwürdig. Er hatte zwar gewusst, dass wir den Feldstein mit dem Flugzeug nach Frankreich transportieren wollten, doch der Zusammenhang mit der Katastrophe dürfte ihm unbekannt gewesen sein.
Die Kerze, die wir gestern angezündet haben und die sechs Tage brennen soll, ist unter den weißen Massen vollkommen verschwunden. Glücklicherweise haben wir eine Ersatzkerze mit.
Das Kolumbarium, das neben dem Grab stand, wurde von Lufthansa in den benachbarten Teil des Friedhofes umgesetzt. Hinterbliebene hatten es reflexartig zum Abstellen von Grabschmuck genutzt, da sich dessen Stufenform geradezu anbot. Sie dachten sich nichts weiter dabei. Allerdings waren die Bewohner des Dorfes zu recht unzufrieden, da es die Urnen ihrer Verstorbenen aufnehmen sollte.
Im Gegenzug wurde die Ablagefläche vor der Namenstafel für die persönlichen Erinnerungsstücke an unsere Lieben vergrößert. Uns gefällt die ebenfalls neu errichtete Bank. Leider wird sie von einem Schneehaufen beansprucht, sodass wir uns nicht setzen können.
Hinter uns knirschen Schritte im Schnee. Die spanischen Eltern wollen ihren Sohn besuchen. Wir stehen vor dem Grab und radebrechen mit Händen und Füßen. Das Englisch des Vaters verstehe ich kaum. Trotzdem unterhalten wir uns, irgendwie funktioniert so etwas immer. Sie zeigen auf der Gedenktafel, die an der Friedhofsmauer befestigt ist, den Namenszug ihres Kindes – Jordi. Der von Jens ist vollkommen in einer Schneewand vergraben, da er im unteren Bereich der Platte zu finden ist. Ihr Sohn verlobte sich wenige Tage vor dem Flugzeugabsturz. Sie sind wie wir wütend, weil niemand die Verantwortung für die Katastrophe übernimmt und Lufthansa jegliche Schuld weit von sich weist. Auch sie fragen sich, wieso der Copilot überhaupt eine Passagiermaschine steuern durfte. Es war ein gutes, aber sehr trauriges Gespräch.
Nach dem Dinner im Restaurant lassen wir den Abend im sogenannten Rückzugsraum ausklingen. Wir nennen ihn Aufenthaltsraum. Eine Arbeitsgruppe bestehend aus spanischen und deutschen Hinterbliebenen hat im Auftrag der Fluglinie an seiner Ausgestaltung mitgewirkt. Seit Juli ist er fertig. Er befindet sich neben dem Gedenkraum und ist ebenfalls durch einen Zugangscode, der nur für die Angehörigen bestimmt ist, zugänglich. In ihm stehen bequeme Möbel zur Nutzung bereit – eine Sofaecke, Sessel, einen Tisch, verschiedene Sitzgruppen, Bücherregale, usw. An Spielzeug für die Kinder wurde gedacht. Das Zimmer ist wohnlich, und ich bin dankbar, dass es uns zur Verfügung steht.
Ich sehe durch die großen Fenster die Chaine de la Blanche, die Bergkette hinter der sich das Unfassbare ereignete. Im Raum ist es nicht sehr warm, doch habe ich meinen superdicken Pullover an.
Morgen wollen wir mit Jens den letzten Tag des Jahres gemeinsam verbringen.
© Brigitte Voß
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