Endlich reisen wir nach Le Vernet. Das letzte Mal besuchten wir Jens im März, zum zweiten Jahresgedenken, in den französischen Alpen. Meine Gesundheit hatte uns einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Wie war ich deswegen wütend und innerlich zerrissen, doch jetzt ist wenigstens das wieder in Ordnung gebracht.
Die vergangene Nacht haben wir in einem Hotel nahe des Flugplatzes in Marseille übernachtet, da wir nicht im Dunkeln mit einem Mietwagen, dessen Fahrverhalten wir nicht kennen, durchs verschneite Hochgebirge fahren wollten. Die im Voraus gebuchte Autovermietung stattet ihre Fahrzeuge nicht mit Winterreifen aus. Die Angestellte bot zwar an, herumzutelefonieren, um uns Schneeketten zu besorgen, aber wir lehnten ab. Als absolute Flachländler wissen wir nicht, damit umzugehen. So können wir nur hoffen, dass wir wegen der Sommerreifen nicht in Schwierigkeiten geraten.
Wir erreichen den Col de Labouret, der als Wetterscheide zwischen den Süd- und Nordalpen bezeichnet wird. Kaum haben wir den Pass überwunden, nehmen die Schneemassen links und rechts der Straße zu, doch auf ihr selbst ist ein gutes Vorankommen.
Der Empfang in dem kleinen Hotel in Le Vernet ist vertraut. Wir sind keine Unbekannten mehr. Die obligatorischen Begrüßungsküsschen werden ausgetauscht. Wie aus heiterem Himmel bekomme ich ein regionales Blatt vom September des Jahres in die Hand gedrückt, dessen aufgeschlagene Seite die Installation des zentralen Gedenkelementes, der Sonnenkugel, zum Thema hat. Das Papier ist eingerissen, fleckig und abgenutzt, es wurde viel gelesen. Offensichtlich bin ich das Ende der Kette, denn ich darf es behalten. Aus dem Beitrag geht hervor, dass die Einheimischen das goldene Denkmal an der Absturzstelle kritisch beäugen, weil es zu monumental ist. Die Journalistin beklagt, dass trotz Nachfragen der Redaktion die Informationsbereitschaft der Lufthansa zum Aufbau der Goldkugel äußerst gering gewesen sei. Den Reportern wurde verboten zu fotografieren. Sie hätten sich auf heimischem Gebiet wie Eindringlinge gefühlt. (Bayetti, M.: Un écrin pour la sphère solare in LaProvence, 29. September (2017), No 7412).
Uns wird ein Zimmer in der oberen Etage zugewiesen. Aus dem Fenster sehen wir die Stele und den langgestreckten Ubac, hinter dem das Flugzeug mit den noch lebenden Insassen flog.
Sie, bis auf einen, wollten leben, wollten niemals solch einem Schicksal ausgesetzt sein. Sekunden später bohrte sich der Airbus in das Gestein mit verheerenden Folgen …
Die Schönheit des Ubac, dessen Kamm derzeit ein Schneeteppich verzuckert, verwirrt. Wolken schrammen an seiner Kante entlang. Stets, wenn ich ihn betrachte, überlege ich, was zum damaligen Zeitpunkt im Flieger vor sich gegangen ist. Ich höre imaginäre Schreie und denke an Jens. Dieser Film wird bis an mein Lebensende im Kopf ablaufen. Ich war nicht bei ihm.
Die Fragen sind berechtigt, ob die Besuche in Le Vernet nicht noch trauriger machen und wieso ich mir das zumute. Natürlich bin ich beim Anblick bestimmter Berge sowie der Absturzstelle sehr betroffen. Jedoch ist der Wille ausgeprägt, sie sehen zu müssen. Schließlich handelt es sich um die Orte, die die letzten Lebenssekunden von Jens symbolisieren. Uns ist das wichtig. Die Trauer geht seltsame Wege.
Da die Wettervorhersage einen heftigen Schneefall verkündet, der heute Abend beginnen soll, fahren wir zum Intermarché in Seyne-les-Alpes, um die Getränke für Silvester sicherzustellen. Die nichtvorhandenen Winterreifen verunsichern.
Vor dem Hotel kommen wir mit einem spanischen Angehörigen, genauer gesagt einem Katalanen, ins Gespräch. Er hat seinen Bruder verloren und möchte hier mit der Familie das Jahresende verbringen. Es beginnt zu schneien. Er erzählt, er habe vor, morgen mit dem Privatfahrzeug auf den Col de Mariaud zu fahren, um die Absturzstelle zu besuchen. Obwohl er eine gewisse Winterausrüstung für die Reifen mit sich führt, schaue ich skeptisch auf die umgebenden Berge, die ein massiges Weiß bedeckt. Niemals wird er es schaffen, aber er will unbedingt hoch und lässt sich nicht davon abbringen. Natürlich haben wir denselben Wunsch, allerdings der Schnee schreckt ab.
Mit Schneeschuhen würde es vielleicht klappen, meinen später die Betreiber des Hotels.
Dicke Schneeflocken treiben vor den Fensterscheiben des hoteleigenen Restaurants, wo wir zu Abend essen. An den Tischen sitzen französische Urlauber und, von einer Nische versteckt, entdecken wir die spanische Familie. Beim Hinausgehen bleiben wir bei ihnen stehen, um sie zu begrüßen und einige Worte zu wechseln. Die Mutter sucht stetig meinen Blick. Plötzlich liegen wir uns in den Armen, obwohl wir uns das erste Mal sehen. Ihr Sohn stürzte mit siebenunddreißig Jahren ab und befand sich auf einer Dienstreise, genau wie unser Jens. Wir weinen.
Um das Gästezimmer zu erreichen, müssen wir die Gaststätte verlassen. Der Flockenwirbel hat sich zu einer dichten Schneewand entwickelt, die sich in die Augen pressen will, um die Sicht auf die abendliche Dunkelheit zu versperren.
© Brigitte Voß
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