°EINHUNDERTDREIUNDVIERZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Vor knapp zwei Wochen begann die strafrechtliche Aufarbeitung der Vorgänge um die Love-Parade (2010) vor dem Landgericht in Duisburg. Für die unmittelbar Beteiligten war es bis dahin ein nervenaufreibender Weg (siehe: 15.04.2016, Freitag – Germanwings und Loveparade und 24.04.2017, Montag – erschwerte Wahrheitsfindung).
Es ist wohl eine Gesetzmäßigkeit, dass sich Opfer oder Hinterbliebene nach einer Katastrophe des Mitgefühls weiter Kreise der Bevölkerung sicher sein können. Kerzen werden angezündet, und Politiker, die glauben, etwas sagen zu müssen, halten in den Medien ihre Statements ab und versichern, dass sie alles Mögliche tun werden, um den Geschädigten zu helfen. Relativ rasch wird die Schuldfrage aufgeworfen. Doch je mehr sie sich im Laufe der Zeit gegen Personen oder Unternehmen mit Macht, Einfluss sowie Geld konkretisiert, desto kräftiger ist meist der Gegenwind, der sich den Leidtragenden entgegenstemmt. Ihnen soll der Atem und damit die Kraft genommen werden, weiterhin unbequeme Fragen nach Verantwortung, Schuld und Sühne zu stellen, bis sie im Winde verwehen und die Öffentlichkeit darüber schweigt, weil aktuellere Probleme im Vordergrund stehen. Verschiedene Tragödien wie die ICE-Katastrophe von Eschede 1998, das Flugschaukatastrophe von Ramstein 1988 und die Landshut-Entführung 1977, um nur einige zu nennen, zeigen solch ein Muster. Ebenso wirft die Geiselnahme von Gladbeck 1988 viele Fragen auf, die bis heute nicht ausreichend beantwortet sind. Das trifft gleichermaßen auf den Germanwings-Flugzeugabsturz zu, bei dem alle Insassen nach dem Willen des Copiloten sterben mussten.
Für die Überlebenden und Angehörigen einer Katastrophe wirken ungeklärte Tatbestände bezüglich Wahrheit und Gerechtigkeit, wie Gift, das die Trauer stört. Wie gern würde ich die Buchseite einer wahrheitsgemäßen Aufarbeitung umschlagen, um etwas mehr Ruhe zu finden.
Daher ist es positiv zu werten, dass dem Wunsch der Opfer und Hinterbliebenen des Love-Parade-Dramas von 2010 nach Wahrheitsfindung doch noch entsprochen wird. Nach sieben Jahren! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Allerdings erhält sie bereits mit der Anklage einen argen Dämpfer, weil der Veranstaltungschef und der damalige Oberbürgermeister von Duisburg nur als Zeugen auftreten und nicht auf der Anklagebank sitzen. Gerade sie zählen für die Öffentlichkeit und die Betroffenen zu den Hauptschuldigen. Aber was die Staatsanwaltschaft beschließt, wird befolgt, egal wie ihre Entscheidung zustande gekommen ist. Das wird wie im Fall Germanwings nicht hinterfragt.
In dem Prozess dreht es sich um fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung. Für die Beteiligten drängt die Zeit, da bis Juli 2020 die Taten verjähren. Es ist zu erwarten, dass daher die Gegenseite versucht, Vorgänge zu verzögern. Ich kann den Love-Parade-Leidtragenden nur wünschen, dass sie während der 111 Verhandlungstage, die das Gericht bis Ende 2018 angesetzt hat, die Nerven nicht verlieren und wenigstens sie diese eine Buchseite umschlagen dürfen, um endlich etwas freier zu atmen.
Auch Folgendes kann die Trauer erschweren, wenn man sich als Hinterbliebener der Öffentlichkeit stellt:
Auf Youtube werde ich auf ein Foto aufmerksam, auf dem mein Mann und ich zu sehen sind. Ich kenne es, da es anlässlich eines Interviews für ein Nachrichtenmagazin aufgenommen wurde. Doch wieso dient es als Titelbild für ein Video mit der Überschrift: »Skandalöse Details zum Germanwings-Absturz – war alles ganz anders«? Mit gemischten Gefühlen starte ich den Film. Ein Beitrag, geschrieben von einer Ghostwriterin für eine mehrsprachige Internetzeitung, scrollt vor meinen Augen vorbei. Er wird zusätzlich über einen Text-to-speech-Konverter stimmlich wiedergegeben. Die eingebundenen Hintergrundbilder zeigen verschiedene Personen, darunter entdecke ich leider uns. Gegen Ende werden wir auch noch recht lange eingeblendet. Das Schlimme ist, das die im Vordergrund laufende Schrift vom Gutachten des Herrn van Beveren handelt, das der Vater des Copiloten Lubitz auf der berüchtigten Pressekonferenz zum zweiten Jahresgedenken an die Katastrophe direkt zum Todeszeitpunkt unserer Lieben vorgestellt hat. Darin wird infrage gestellt, dass sein Sohn ein Mörder ist. Alles sträubt sich in mir, für solch eine Behauptung als Hintergrund- und Titelbild herhalten zu müssen. Das ist verletzend und geradezu kriminell. Niemals sind wir gefragt worden, ob unser Abbild dafür veröffentlicht werden darf. Außerdem trägt das Foto das Copyright des Pressefotografen. Natürlich muss man mit derartigen Gemeinheiten rechnen, steht man wegen eines Interviews im Internet.
Das können wir uns nicht gefallen lassen. Wir setzen uns zur Wehr und begründen YouTube gegenüber, warum sie das Video herausnehmen müssen. Sollten sie der Aufforderung nicht nachkommen, suchen wir uns Verstärkung. Hoffentlich haben wir Erfolg.
© Brigitte Voß
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Ein Gedanke zu “19.12.2017, Dienstag – belastete Trauer”