28.11.2017, Dienstag – ewiger Albtraum

♦EINHUNDERTVIERZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE♦
Wir suchen einen Steinmetz auf, da wir einen kleinen Grabstein anfertigen lassen wollen, der den Namen von Jens sowie sein Geburtsdatum trägt. Das Sterbedatum mag ich nicht. Stets wenn ich es erblicke, nimmt die Finsternis in meinem Inneren zu. Außerdem kennt es jeder, der auf dem Friedhof von Le Vernet steht. Dort soll der Grabschmuck einen endgültigen Platz finden.
Der Meister und seine Frau sind uns auf Anhieb sympathisch. Sie beraten uns gut, kennen allerdings die Umstände des Todes von Jens nicht.
Er schlägt vor: »Falls es Ihnen recht ist, kann ich mich mal in der Umgebung umsehen. Ich streife gern mit meinen Hunden über die Felder. Vielleicht entdecke ich einen entsprechenden Findling. Sie kommen jetzt durch das Umpflügen des Bodens zum Vorschein.«
Genau das ist es! Für uns ist das die Idee, eine geeignetere gibt es nicht: Einen Grabstein, den die Natur geformt hat. Noch wichtiger ist, dass Jens einen Stein aus der Heimat bekommt. Begeistert versprechen wir, in einer Woche anzurufen, ob er etwas Passendes gefunden hat. Schlagartig geht es mir besser.
Wenn wir um die Silvesterzeit in die südfranzösischen Alpen fahren, wollen wir ihn mitnehmen. Immerhin sichert uns die Lufthansa zu, auch im folgenden Jahr so oft nach Le Vernet zu fliegen, wie wir es wünschen. Uns ist das ein instinktives Bedürfnis. Das Angebot richtet sich an die nächsten Hinterbliebenen, wozu Eltern, Kinder, Geschwister, Großeltern, Ehe- und Lebenspartner, Enkel und Vormünder zählen. Es werden keine Wichtungen vorgenommen. Die Fluggesellschaft übernimmt die Organisation sowie die Kosten der Reise. Das schließt die Übernachtung für zwei Nächte in Le Vernet, Prads oder in Aix-en-Provence inklusive Frühstück und Abendbrot ein. Wir hoffen, dass es für alle Zeiten so bleibt.
Allerdings werden die Taxifahrten zum und vom Flugplatz nach dem dritten Jahresgedenken an die Katastrophe nicht mehr bezahlt. Das trifft manche Angehörigen, da sie einen weiten Anfahrtsweg zum Airport haben. Einige lehnen es seit dem Absturz strikt ab, ein Flugzeug zu benutzen. Sie bevorzugen den Zug, um von Deutschland nach Marseille zu gelangen, wenn sie ihren Lieben in den französischen Alpen nahe sein wollen. Sie bangen, ob diese Alternative weiterhin ermöglicht wird.
Notwendige ärztliche Behandlungen wie die Psychotherapie werden von Lufthansa zukünftig nur denjenigen gezahlt, die eine Verzichtserklärung unterschreiben. Darin müssen sich die Willigen verpflichten, auf aktuelle und spätere Klagen sowie auf zusätzliche Ansprüche gegenüber der Fluggesellschaft zu verzichten. Obwohl die rechtliche Aufarbeitung, wie es zu der Katastrophe kommen konnte, wieso solch ein instabiler Typ überhaupt auch nur einen Steuerknüppel berühren durfte, kaum richtig begonnen hat, sollen die Betreffenden aus dem laufenden Klageverfahren gegen die Flugschule in Arizona / Lufthansa aussteigen. Das ist pure Erpressung. Im Zuge dessen betont das Unternehmen die Freiwilligkeit seiner Hilfen. Für einige von uns ist die psychotherapeutische Behandlung eine bittere Notwendigkeit. Nach dem Montrealer Abkommen war die Airline für zwei Jahre verpflichtet, dafür aufzukommen – so etwas nennt sich verschuldensunabhängige Haftung. Die genannte Zeit ist abgelaufen, jedoch der psychische Schaden in unseren Köpfen wird länger anhalten, vielleicht ewig bestehen bleiben. Es ist bekannt, dass seelische Störungen bei traumatisierten Personen erst nach Jahren zum Vorschein treten können. Auch hier sehe ich die Fluggesellschaft OHNE WENN UND ABER in der Pflicht. Sie war der Arbeitgeber des Copiloten, unter ihrem Namen hat er den Airbus gesteuert. Sie hätte es verhindern müssen. Warum nur diese Knausrigkeit?
Überdies sind die Vorgänge, die sich um den Niedergang von Air Berlin und die Übernahme durch Lufthansa ranken, äußerst suspekt (siehe 31.08.2017, Donnerstag – Entwicklungen). Trotz Insolvenz von Air Berlin hat sich der frühere Germanwings-Manager und Chef von Air Berlin Thomas Winkelmann seinen Verdienst von 4,5 Millionen Euro von der Bank absichern lassen, ohne Rücksichtnahme auf Tausende von Mitarbeitern, die ihre Arbeit verlieren. Sie gehen leer aus. Die Kranich-Linie verweigert die finanzielle Beteiligung an einer Auffanggesellschaft, obwohl ihr die Bundeskanzlerin einen 150-Millionen-Kredit gewährte. Lufthansa hat sich die besten Stücke von Air Berlin herausgepickt. Sie kassierte mehrere Airbus-Flugzeuge. Sie dürfte durch den Pleite-Deal ihre Gewinne vermehrt haben. Um so krasser ist es, wenn Bedürftige, die durch den Flugzeugabsturz in eine geldliche Notlage geraten sind, sich in einem Antragsformular entblättern müssen, wollen sie von der Airline eine entsprechende Zuwendung aus dem Hilfsfonds erhalten. Auch sie werden genötigt, auf Klagen und zukünftige Forderungen gegenüber Lufthansa, Germanwings und andere Unternehmen zu verzichten und zu bestätigen, dass sie auf die Unterstützung keinen rechtlichen Anspruch haben.
Die Fluggesellschaft setzt ihre ureigensten Interessen um. Hauptsache sie wahrt ihren mächtigen Ruf.
Als unbedarfte Hinterbliebene, die nicht damit fertig wird, dass ihr Sohn in jenem mörderischen Flieger sein Leben lassen musste, begreife ich keineswegs, dass wir der Fluglinie gegenüber als Bittsteller dastehen müssen und dazu noch unter Druck gesetzt werden, Verzichtserklärungen zu unterschreiben. Es ist demütigend. Die Freiheit, ob wir eine juristische Aufarbeitung wünschen oder nicht, sollte uns zugestanden bleiben, egal welche Hilfen wir benötigen. Schließlich wollten wir niemals in diese verruchte Situation kommen, Jens zu verlieren. Das ist nicht unsere Schuld. Wie gern würden wir auf die quälenden Folgen, die die Katastrophe mit sich bringt, verzichten und somit auf keinerlei Unterstützung angewiesen sein.
Statt, dass wir Jens umarmen können, bringen wir einen heimischen Findling mit seinen Namenszügen und dem Geburtsdatum nach Le Vernet, um ihn vor das Grab mit den nichtidentifizierbaren menschlichen Bestandteilen zu stellen. Es ist ein ewiger Albtraum.
@ Brigitte Voß

 


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