Die Reha soll nach der Operation helfen, meine körperliche Funktionstüchtigkeit wieder herzustellen. Ich bewohne ein schönes Zimmer. Schaue ich aus dem Fenster, winken mir die Baumkronen mit Blättern zu, die der Herbst in warme Farben taucht. Auf dem Schreibtisch habe ich das Bild von Jens aufgestellt. Auf die Kerze muss ich hier verzichten, das ist verboten.
Die Ärzte, Schwestern und Therapeuten begegnen mir durchweg freundlich und ich ahne, dass es mir hier erfreulicher ergehen wird als im Krankenhaus, wo man sich auf Kosten der Patienten zu Tode spart und ein gefrustetes Pflegepersonal hinterlässt.
Als ich das erste Mal die Rehaklinik betrat, war ich merkwürdig berührt. Ich hatte noch nie so viele Menschen auf kleinstem Raum gesehen, die sich mit ihren Krücken vorwärtsbewegen. Obwohl ich ebenfalls diese Dinger benötige, befürchtete ich anfänglich, hier etwas deplatziert zu sein, zumal das Durchschnittsalter der Bewohner im höheren Bereich liegt. Mein Mann konterte dazu wahrheitsgemäß: »Überleg mal, wie alt du selbst bist. Du passt doch gut hier rein!«
Trotzdem ich mit solch einer Antwort nicht gerechnet hatte, muss ich zugeben, dass ich leider auch nicht mehr zu den Jüngsten gehöre.
›Wie viel Lebenszeit verbleibt mir?‹, rätsle ich, wenn ich in die zerfurchten Gesichter der Senioren sehe, mit denen ich vorübergehend unter einem Dach wohne. Seit unser Sohn mit dem Flugzeug abgestürzt ist, denke ich verstärkt über die Vergänglichkeit allen Seins nach. Für den einen kommt der Tod unerwartet wie für Jens, während ein anderer weiß, dass er bald sterben muss, weil ihm eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wurde wie meiner lieben Freundin. Sie konnte sich noch mit ihrer Mutter versöhnen und ihr verbleibendes Leben ordnen. Ihre Beerdigung plante sie bis ins Detail. Ihre Söhne wussten, wie sie sie wünschte.
Jens hatte keine Chance.
Und so hänge ich dem Gedanken der Unsterblichkeit nach. Wie wäre es, wenn ich ewig existieren würde? Ohne zu altern, versteht sich. Je länger ich darüber nachdenke, desto überzeugter komme ich zu dem Schluss, dass das nicht erstrebenswert ist. Wissenschaftlern soll es zwar gelungen sein, den Alterungsprozess zu stoppen, und Ärzte würden kaum noch benötigt werden, da gegen jede Erkrankung ein Kraut gewachsen ist, aber Jens hätte trotzdem sterben müssen. Tote aufgrund äußerer Gewalteinwirkung wird es stets geben, solange man uns nicht in Roboter aus widerstandsfähigen Materialien umwandelt.
Wer weiß, was ich in meinem unendlichen Leben alles erleiden müsste. Wie würde die Psyche aussehen, wenn ich erst tausend Jahre auf der Erde wäre?
Es gibt unzählige Probleme des menschlichen Zusammenlebens, die der Gewalt Türen öffnet. Die Menschen stumpfen ihr gegenüber ab, sie fühlen sich unglücklich.
Unser Lebensstil verflacht zunehmend. Die selbstverursachten Umweltprobleme bekommen wir kaum mehr in den Griff. Das Geld siegt vor der Vernunft. Die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert sich. Flüchtlingsströme, Überbevölkerung … Es strengt an, unter derartigen Bedingungen ein lohnenswertes Dasein zu führen. Wäre ich ewig, würde ich den Kampf um ein würdiges und glückliches Leben verlieren, da ich auf Dauer die Energie nicht aufbringen könnte. Ich habe jetzt schon genug damit zu tun, dass Jens mit diesem Flugzeug abstürzen musste. So ist es besser ein relativ kurzes, aber erfüllteres Sein im Kreis der Familie zu haben.
Allerdings hoffe ich, dass mir die Endlichkeit des Lebens keinen Strich durch die Rechnung macht, weil ich das Ende der juristischen Auseinandersetzung, die der bewusst herbeigeführte Flugzeugabsturz mit sich bringt, noch erleben möchte.
Was Menschen zur Unsterblichkeit führt, sind die Werke, die er den Nachfahren in irgendeiner Form hinterlässt. Dazu gehört die Musik, sie lebt ewig, auch wenn ihre Komponisten sterben. Sie übersteht unverändert die Stürme der Zeit, während wir uns verändern. Ich bemerke es stets aufs Neue – egal, welche Musikrichtung ich mir anhöre, ich gehe seit der Germanwings-Katastrophe auf Distanz, immer noch. Die Klassik gaukelt mir eine derartige Schönheit vor, wie ich sie in der Realität nicht mehr entdecke, sodass sie zusätzlich schmerzt. Melancholische Melodien vergrößern meine Traurigkeit. Fröhliche klingende Weisen treiben mir die Tränen in die Augen. Daher versuche ich, sie nur oberflächlich anzuhören, was mir oft nicht gelingt.
Das, was man Jahrzehnte genoss, kann man nicht so einfach abschütteln. Um die abendliche Langeweile zu vertreiben, besuche ich in der Klinik ein Saxophonkonzert. Angesagt ist ein Streifzug beginnend mit den 50 ziger Jahren mit dem Rythm and Blues, über die 60/70 ziger bis hin zur Pop-Musik der 80 ziger Jahre. Der Saxophonist moderiert selbst und bläst sein Instrument. Die Zeiten rauschen an mir vorbei. Ich hatte eine geborgene Kindheit, die Jugendzeit war voller neuer Entdeckungen und Erkenntnisse. Wenngleich ich im Osten aufgewachsen bin, verpasste ich keinen Beatclub, die Musiksendung im deutschen Fernsehen, die für die jugendlichen Kultstatus hatte und die die Erwachsenen verdammten. Später war ich als junge Mama glücklich. Ich bin dankbar, dass ich all das erleben durfte. Der musikalische Ausflug durch die Zeiten macht es mir bewusst, allerdings auch, dass etwas Schreckliches passiert ist, dessen Schatten dunkle Flecke werfen. Und so verschließe ich mein Inneres, um auf Abstand zu den Klängen zu bleiben, denn einfach Losschluchzen kann ich nicht an diesem Ort. Es würde Fragen nach sich ziehen, was ich vermeiden möchte.
Nachts im Bett stelle ich mir vor, ich könnte Saxophon spielen. Der Gedanke gefällt mir. Doch mir fehlt die Energie, einen Lehrgang zu beginnen. Außerdem zweifle ich, ob ich in meinem Alter noch in der Lage bin, den erforderlichen Druck im Instrument aufzubauen, um nur einen Ton hervorzubringen. Lapidar denke ich, ›im nächsten Leben lerne ich es‹ und muss im selben Augenblick schmunzeln.
© Brigitte Voß
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