12.10.2017, Donnerstag – im Krankenhaus (2)

Ich habe vergangene Nacht mit wehmütigen Betrachtungen und Operationsschmerzen wachgelegen. Neben mir türmt sich zerknüllter tränengetränkter Zellstoff. Die Schwestern werden aufmerksam.
»Sie sehen aber blass aus!«, bekomme ich mehrfach zu hören … Was mit mir ist? Ich bin zum Liegen verdammt. Mir fehlt die Konzentration zum Lesen oder zum Fernsehen. Ich bin unfähig, mich zu beschäftigen. Schmerzstillende Opioide kreisen in meinem Körper herum und zeigen wohl mehr ihre Nebenwirkungen.
Die Gedanken im Bett sind frei. Ich habe nichts weiter zu tun, als an die Decke zu starren. Die Zeit gibt mir genügend Raum, an Jens und sein trauriges Schicksal zu denken, und zwar in derart intensiver Form, wie ich es normalerweise nicht zulasse. Ich habe keine Möglichkeit der Ablenkung. Diese Situation kombiniert mit den verabreichten Tabletten sind Gift für mich. Und was meinem Sohn zugestoßen ist, braucht das Personal nicht zu wissen.
Die Tränen sind nicht zu stoppen, weder als die Krankenschwestern einen Arzt zu mir schicken, noch als das medizinische Team zur regulären Visite vor dem Bett steht. Hinter dem Tränenschleier, der Augen und Gesicht überzieht, fühle ich mich sicher. Ich beantworte ihre Fragen mit Schweigen. Das bin nicht ich.
Mir wird Blut abgenommen. Kaum hat die Schwester das Zimmer verlassen, geht die Tür schon wieder auf. Genervt schaue ich auf den Eindringling. Eine Physiotherapeutin tritt zu mir heran. Ich lasse sie mit ihrer manuellen Lymphdrainage gewähren. Ich weine lautlos vor mich hin. Natürlich fragt auch sie, was mit mir los sei. Keine Antwort. Ich bin ein einziger Kummer. Sie erkundigt sich erneut, und ich höre plötzlich meine Stimme. Wieso ich auf einmal von Jens erzähle, weiß ich nicht, denn ich hatte mir vorgenommen, anonym zu bleiben. Ich möchte an diesem Ort vermeiden, dass die Leute heimlich mit dem Finger auf mich zeigen und sagen: »Das ist die, deren Sohn mit der Germanwings-Maschine in den Berg geflogen wurde …«
Ich wünsche, so zu sein wie die anderen, ein Patient unter vielen.
Vor der Frau mit den wehmütig lächelnden Augen aber berichte ich von Jens und der Katastrophe.
Sie schluckt mehrfach. Ich muss erfahren, dass ihre Tochter nur drei Monate später im Alter von 26 Jahren sterben musste. Sie hatte unheilbaren Krebs. Kurz vor ihrem Tod wollte sie gern Marseille sehen. Ihre Reise fiel in die Zeit des Flugzeugabsturzes. Sie unterhielten sich damals über das unfassbare Ereignis.
Es ist schon merkwürdig. Offensichtlich mussten wir uns begegnen.
Ich weine nicht mehr, dafür allerdings sie. Wir umarmen uns zum Abschied.
Nahezu täglich kommt sie von nun an mein Bett, um mich zu behandeln. Wir reden viel über unsere gestorbenen Kinder. Ihre Gräber befinden sich auf demselben Friedhof, sodass wir beschließen, sie später gemeinsam aufzusuchen. Sie zeigt mir Bilder von ihrer Tochter und dem Grab. Sie würde Zeichen von ihr empfangen und belegt das mit verblüffenden Fotos.
Und immer wieder sagt sie: »Du konntest dich doch gar nicht von deinem Sohn verabschieden.«
Sie konnte sich darauf einstellen, dass ihr Kind sterben würde. Auch wenn sie bis heute noch nicht versteht, warum das alles passieren musste. Die Zeit des Abschiednehmens war ihr wichtig. Wir hatten die Gelegenheit nicht. Plötzlich war Jens tot, einfach weg.
Mit dem Wissen, dass keine ärztliche Rettung mehr möglich war, haben sie dem Ende entgegengesehen und mit Familie sowie Freunden versucht, dem verbleibenden Leben Sinn und Freude zu geben. Das Dahinscheiden der Tochter war ein schleichender Prozess, der mit Sicherheit für die Mutter schwer zu ertragen war. Doch darüber spricht sie nicht.
Ihre heilenden Hände versuchen, mit spezieller Massagetechnik meine Beschwerden zu lindern. Das ist Wellness pur. Unsere Gesprächsthemen, so traurig sie auch sind, helfen, dass ich rasch wieder auf die Beine kommen, denn sie tun meiner verwirrten Seele gut. Sie hat während des Krankenhausaufenthaltes ihr Ventil gefunden.
© Brigitte Voß


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar