11.10.2017, Mittwoch – im Krankenhaus (1)

Vor wenigen Tagen kam ich unters Messer, genauer gesagt unter Säge und Hammer, denn ich erhielt ein künstliches Gelenk. Ich wurde bereits oft operiert und bezeichne mich gern als Frankensteins Monster, das durch vernarbte Schnittstellen zusammengehalten wird. Überträgt sich die Zerrissenheit einer Seele gar auf den dazugehörigen Organismus? Es ist müßig, darüber zu diskutieren. Ich stand vor der Entscheidung, entweder permanent Schmerzen bei Tag und Nacht ertragen zu müssen oder Lebenqualität zurückzugewinnen. Wenigstens möchte ich die körperlichen Beschwerden abschütteln, um das psychische Leid zu entlasten. Glaube ich dem Chirurgen, ist das möglich. Interessant wäre es, wenn man gleichermaßen Hirnareale austauschen könnte, einfach so wie Körperteile. Dann würde ich ohne Wehmut und Trauer die Fotos von Jens betrachten. Jedoch empfände ich das als Verrat an seinem wertvollen Leben …
Ich liege frischoperiert im Krankenhauszimmer und denke zurück an die Aufnahmeuntersuchungen. Ich wurde nach resistenten Keimen abgesucht. Dazu strich die Schwester mit einem Wattebausch kurz in meinem Mund herum, was nicht gerade positive Erinnerungen weckte. Nach dem Flugzeugabsturz ließ ich mir bereitwillig gleich zweimal (in Deutschland und in Frankreich) Speichelproben mittels eines Wattestäbchens entnehmen, damit man die menschlichen Überreste von Jens identifizieren konnte. Werde ich allerdings bis zum jetzigen Zeitpunkt mit derartigen Dingen konfrontiert wie hier in der Untersuchung, klopft mir das Herz bis zum Hals und ich habe Mühe, wieder zur Ruhe zu kommen (so auch beim Anschauen ähnlicher Szenen in Kriminalfilmen). Ich stelle erneut fest, dass ich nicht mehr der Normalität entspreche.
Im Sprechzimmer wurde ich über sämtliche Risiken, die durch den chirurgischen Eingriff auftreten könnten, aufgeklärt. Mehrfach bekam ich zu hören: »Glauben Sie mir, das passiert extrem selten.« Was soll ich bloß damit anfangen! Wie unwirklich ist der Fakt, dass unser Jens ausgerechnet in ein Flugzeug steigen musste, indem ein desolater Copilot saß, der seine bösen Ideen auch noch verwirklichte. Wie viele Menschen in der Welt sind an diesem Tag geflogen? Mathematiker würden eine Unwahrscheinlichkeit mit unendlich vielen Nullen unmittelbar nach dem Komma berechnen, trotzdem ist sie eingetreten. Natürlich malte ich mir mit einer schwarzen Fantasie aus, wie es wäre, wenn die Operation negativ verlaufen würde. Immerhin reagiert mein Körper seit dem Tod von Jens mit Hauterscheinungen wie allergischen Reaktionen, die ich vordem niemals kannte. Da ich jegliches Vertrauen in ihn verloren habe, war eine solche Vorstellung nicht abwegig. Und so hing ich dem Gedanken nach, Jens wieder zu treffen, wenngleich in einer anderen Sphäre. Ich sehne mich nach ihm und stelle mir gern vor, wie die Wohnzimmertür aufgeht und er freudestrahlend hereinkommt. Immer noch! Mehr als zwei Jahre sind vergangen, das dürfte krankhaft sein. Er ist tot. Das habe ich längst verstanden. Die Endgültigkeit, die diese Tatsache durchdringt, allerdings nicht.
Trotz der miserablen Stimmungen im Vorfeld, bin ich froh, dass die Operation gut verlaufen ist und ich nicht in einer unbekannten Welt erwacht bin. Mein Körper hat mich nicht im Stich gelassen und so reagiert, wie die Ärzte es wollten.
Das macht Mut für die weitere gesundheitliche Entwicklung.
© Brigitte Voß


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar