30.09.2017, Sonnabend – Veränderungen

Wir werden von Lufthansa informiert, dass ihr Büro in Le Vernet schließen wird. Der Leiter Ulrich Link geht in Rente. Die Fluglinie wird zukünftig die anfallenden Aufgaben vor Ort von Deutschland aus regeln.
Auch Annette und der französische Mitarbeiter Philippe stellen damit ihre Arbeit in dem kleinen Bergdorf ein. Aus rein egoistischen Gründen finde ich das sehr schade. Stets hatten sie ein Ohr für uns, waren zu einem kurzen Plausch bereit und überhäuften uns mit Kaffee. Einmal stand uns Ulrich hilfsbereit zur Seite, was er in jener Situation nicht hätte tun müssen. Sie werden uns fehlen.
Die drei haben sich um alles Mögliche in Le Vernet gekümmert wie beispielsweise um die Errichtung der Aussichtsplattform in den Bergen, von der man auf den Ort des schrecklichen Geschehens sehen kann. Sie waren beteiligt an der Vergrößerung des Gedenkraumes neben ihrem Büro und haben ihn anschließend in Schuss gehalten. Sie organisierten so profane Dinge wie beispielsweise die Leerung der Toilette auf dem Col de Mariaud.
Wichtig war die Ausgestaltung der jährlichen Gedenkfeiern in der Kathedrale von Digne-les-Bains und in Le Vernet.
Eine letzte Herausforderung war die Installation des zentralen Gedenkelements »Die Sonnenkugel« des Künstlers Jürgen Batschneider direkt am Fels des Flugzeugaufpralls. Mag man zu dem Denkmal stehen, wie man will, aber das war eine technische Meisterleistung. Es wurde den Angehörigen zum zweiten Jahrestag in voller Größe neben der Stele präsentiert. Danach wurde es in Teile zerlegt und zwischengelagert. Allein der Schwertransport durch die Gebirgsstraßen zu ihrer Zwischenlagerstätte erforderte logistisches Geschick. Ihre Errichtung am Berg verlangte gründliche Voruntersuchungen wie Probebohrungen, die die Stabilität des Untergrundes analysierten, sowie 3D-Vermessungen des Geländes, um das Risiko von Steinschlag und Erdrutschen einschätzen zu können. Das Fundament wurde tief in den Boden gerammt, bevor mit einem Hubschrauber die einzelnen Bestandteile der Sonnenkugel in die Höhe transportiert wurden, wo der Künstler sie am Felsen zusammenbauen konnte.
Seit vorgestern hat das Denkmal seinen endgültigen Platz an der Absturzstelle gefunden.
Über einen Mangel an Gedenkstätten für unsere Lieben brauchen wir uns nicht zu beklagen. Für die Halterner existieren in ihrem Ort weit mehr. Das mag für den einen Hinterbliebenen gut sein, den anderen allerdings verwirren. Die Reaktionen sind unterschiedlich.
Zuhause besuchen wir das Grab und den Patenbaum, den wir Jens gewidmet haben. Ich mag es, die Hainbuche vor mir zu sehen und ihre Baumkrone zu betrachten. In ihr lebt Jens in irgendeiner Form weiter. Ich weiß, er akzeptiert sie als Platz, um uns ebenfalls das Gefühl seiner Weiterexistenz geben. Nur leider bewältige ich kaum die wenigen Meter vom dortigen Parkplatz bis zum Baum. Die ätzenden Schmerzen und die zunehmende Steifheit des Gelenkes verhindern das. Die intensivste Anwesenheit von Jens verspüre ich jedoch in den südfranzösischen Alpen. Sie sind für mich in eine weite Ferne gerückt, da ich es in meinem derzeitigen Zustand niemals schaffen würde, die vertrauten Ziele zu erreichen. Es ist fürchterlich.
Glücklicherweise verspricht mir ein Arzt den Himmel auf Erden. Ich könnte alle sportlichen Aktivitäten sogar ohne Schmerzen wieder aufnehmen. Und so steht ein chirurgischer Eingriff bevor. Eine Alternative gibt es nicht.
© Brigitte Voß


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