Jens weilt seit 2½ Jahren nicht mehr unter uns. Die Zeitspanne zwischen dem schrecklichen Geschehen und der Gegenwart vergrößert sich jeden Augenblick. Nimmt dadurch die Erinnerung ab? Ich habe das Gefühl, sie wird vielfältiger. Mit dem Lauf der Zeit leben sogar gemeinsame Erlebnisse auf, die ich längst vergessen hatte.
Allerdings sind Erinnerungen weniger plastisch als unmittelbar nach seinem Tod, weil sich die Jahre wie eine Nebelwand, die die klaren Farben verwischt, dazwischen drängen. Die Lebendigkeit der entsprechenden Eindrücke verblasst. Ich bin nicht mittendrin. Ich kann ihn nicht spüren. Die Bilder rinnen wie in einem Film vorbei, dem ich nur als Zuschauer beiwohne. Immerhin bin ich noch fähig, aus den Tiefen des Gedächtnisses seine Stimme hervorzuholen. Ich höre ihn. Das ist wunderbar und traurig zugleich.
Die Träume über Jens, erinnern in gewisser Weise ebenfalls. Der Vorteil der Traumwelt ist, dass ich mit ihm direkt agieren kann, und nicht wie in der Erinnerung aus der Ferne durchlebe.
Dieser Tage träumte ich, dass ihn eine fremde Frau zu mir brachte. Er war im Kindesalter. Ich stand auf einer unbekannten Straße vor einem Haustor, das ich soeben durchschritten hatte. Ich nahm meinen Sohn ganz fest in die Arme. Und da spürte ich sie, die Wärme seines Körpers. Da mir auch im Schlaf klar war, dass er sich eiskalt anfühlen müsste, weil tot ist, war die Freude über das Pulsieren unter seiner Haut unvergleichlich. Das wunderbare Glücksgefühl, das mich dabei befiel, spüre ich jetzt noch. Gern würde ich es konservieren, damit es niemals vergeht.
Leider habe ich derartige Träume kaum. Meist passiert in ihnen irgendetwas Fürchterliches, sodass ich entsetzt aufwache.
Im Leben geschehen Dinge, die sich jeglichem Verständnis entziehen und einem Albtraum gleichen. So mischen sich in die Erinnerung an Jens spaßige Erlebnisse, die wir erst kürzlich mit unserem Freund Norbert hatten. Er stürzte vergangenen Dienstag (siehe vorheriger Beitrag) mit dem Segelflugzeug ab.
Er war ein Mensch, der in sich ruhte. Seine Augen strahlten permanent. Wie wird Marlene den Tod ihres Ehemanns verarbeiten?
Sie hat sein Facebook-Account in eine Gedenkseite umwandeln lassen, auf der ich zahlreichen Beileidsbekundungen lesen kann. Auch für Jens existiert solch eine Seite.
Lastet auf uns ein Fluch? Wieso müssen wir zusätzlich einen Freund bei einem Flugzeugabsturz verlieren? Tot ist tot! Egal wie?
Es ist so traurig.
Die Freundin sitzt jetzt mehrere tausend Kilometer entfernt einsam in ihrem Haus. Sie hat den Partner verloren, mit dem sie über alles reden könnte. In der Beziehung ergeht es mir besser. Ich kann mich mit meinem Mann austauschen, der dazu noch dasselbe erlebt hat wie ich.
In dem Treiben da draußen tobt die Bundestagswahl, die mir gleichgültig ist. Der Machtkampf der Politiker ist für mich eine künstliche Welt, mit der ich seit dem Tod unseres Sohnes abgeschlossen habe.
Wie jeden Abend zünden wir die Kerze für Jens an. Wir bestellen sie ständig bei demselben Produzenten, der auch die Altarkerzen für die offizielle Trauerfeier im Kölner Dom 2015 herstellte.
Das Licht vereint Leben und Tod.
Wir denken an Jens und Norbert sowie an die Menschen, die mit Flug 4U9525 wohlbehalten in Düsseldorf ankommen wollten.
© Brigitte Voß
Entdecke mehr von SEELENRISSE
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
