19.09.2017, Dienstag – der vierte Flugzeugabsturz

°EINHUNDERTDREIßIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Ablenkung ist die beste Medizin. Daher versuche ich, nicht jede Einladung abzulehnen, mich nicht zu verkriechen und für Chancen, die sich im Leben bieten, offen zu sein, auch wenn das nicht immer leicht fällt. Auf diese Weise wurde für uns die Reise nach Bali eine erfrischende Erfahrung. Sie erforderte im Vorfeld viel Kraft, die lähmende Energielosigkeit zu besiegen, um das Abenteuer zu wagen. Wir wurden belohnt, trafen nette Menschen, bewunderten die exotische Natur und erfreuten uns an einer fremdartigen Kultur. Der balinesische Hinduismus hat mich gelehrt, dass Sterben und Tod nicht überall auf der Welt negativ belegt sind. (siehe im obigen Menü: Inhaltsverzeichnis_2017).
Wir feierten auf der tropischen Insel Norberts runden Geburtstag, weil uns Marlene, seine Frau, einlud. Die beiden Australier sowie ihre Freunde sorgten durch die unaufdringliche Leichtigkeit in Humor und Verhalten für eine Aufmunterung unserer Gefühlswelt.
Warum nur erhält alles Schöne irgendwann einen tüchtigen Dämpfer? Das, was folgt, macht uns fassungslos:
Es ist Nacht. Wir wollen gerade ins Bett gehen, als ich bemerke, dass eine E-Mail von Marlene eingetroffen ist. Ich lese nur die ersten Sätze und werfe das Handy in die Ecke der Couch. Ich muss mich beruhigen, bevor ich weiterlesen kann. Ich bin verstört. Mein Mann fragt ungeduldig was los sei. Langsam nehme ich das Telefon wieder in die Hand und übersetze mit leiser Stimme den Brief. »Etwas Schreckliches ist passiert. Norbert starb gestern bei einem Unfall …«
Vor nicht einmal 1½ Wochen kamen die beiden aus Australien nach Deutschland, um Verwandte zu treffen, sodass wir uns schon nach relativ kurzer Zeit wiedersehen konnten. Drei Tage verbrachten wir gemeinsam. Sie wollten unbedingt das Grab von Jens besuchen und schmückten es mit Sonnenblumen. Auch den Patenbaum, den wir ihm gewidmet haben, wünschten sie zu sehen. Sie lernten unsere kleine Familie kennen und waren begeistert von den Enkelkindern, die ebenso Spaß mit ihnen hatten. Wir unternahmen Ausflüge und saßen lange beim Essen zusammen. Norbert erzählte uns von seinem Lebenstraum. Er plante, unmittelbar nach der Rückkehr in Australien Flugstunden zu nehmen, um ein Segelflugzeug fliegen zu können. Er war zwar nicht unerfahren auf dem Gebiet, wollte aber ein entsprechendes Dokument in den Händen halten.
Sobald ich das erfuhr, wurde mir mulmig: Einige Monate nach der Germanwings-Katastrophe stürzte während unserer Kur 2015 der Geschäftsführer der Klinik mit einer Kleinmaschine tödlich ab. Dieses Jahr, zum zweiten Jahresgedenken in Le Vernet, stürzte nur wenige Meter vor dem Balkon unserer Ferienwohnung ein motorisiertes Segelflugzeug ab. Wir hörten das Absturzgeräusch. Einer der beiden Insassen musste sterben. Was zu dem Unglück führte, weiß ich nicht.
So war es nicht abwegig, dass sich bei mir die Angst um den Freund einstellte. Ich sprach allerdings nicht darüber.
Norbert kam ums Leben und mit ihm sein Fluglehrer, der ebenfalls in der Maschine saß. Sie starben unmittelbar beim Aufprall. Marlene spricht von einem mechanischen Problem, das bereits als Absturzursache angesehen wird. Sie selbst steht nach eigener Auskunft unter Schock.
Sie wird noch gar nicht verstanden haben, was da eigentlich passiert ist.
Wir sind im Innersten aufgewühlt. Wir sind traurig. Norbert ist tot.
© Brigitte Voß


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Ein Gedanke zu “19.09.2017, Dienstag – der vierte Flugzeugabsturz”

  1. Es tut mir so leid, dass. sich die Schicksalsschläge in ähnlicher Art u Weise häufen! Oft ist es nicht nachvollziehbar, warum ? Oft liest man von einem Unglück u prompt passiert es 2-3 mal in Folge! Mein Bruder Starb an einem Bahnübergang in Ungarn – bisher ungeklärt ob die Ampel Anlage funktionierte! Und seitdem passiert es ständig oder sind wir einfach auf diese Unglücke sensibilisiert?! Mit lieben Grüßen u immer an sie denkend

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