31.08.2017, Donnerstag – Entwicklungen

Nicht nur Jens hat im August Geburtstag, sondern auch ich. Allerdings ist der eigene seit seinem Tod nicht mehr wichtig. Kinder und jüngere Menschen feiern an solche Tagen gern. Das Leben zeigt sich ihnen in frischen, bunten Farben, deren Oberfläche kaum Risse aufweist. Es gibt Geschenke und der Geehrte steht im Mittelpunkt. Doch mit den Jahren erlebt man traurige und schreckliche Dinge. Sie häufen sich an, können der Seele Wunden zufügen, die niemals verarbeitet werden. Und das soll gefeiert werden?
Hinzu kommt das Bewusstwerden der eigenen Endlichkeit. Der größte Teil des Lebens liegt hinter mir. Gut, damit sollte ich mich abfinden, denn das ist der Verlauf der Natur. Allerdings sterbe ich später als mein Sohn, was ganz und gar nicht normal ist. Niemand kann die Tatsache ändern. Alles sträubt sich in mir dagegen. Der Gedanke ist grausam.
Normalerweise würde ich wohl den Geburtstag vergessen, wenn nicht die Familie mit ihren Fragen nach dem Geburtstagswunsch oder wie wir gedenken, den Tag zu begehen, daran erinnern würde. Bisher wurde ständig etwas organisiert, so auch dieses Mal recht kurzfristig.
Wir unternahmen mit der Enkelin einen Ausflug. Ein Schiff tuckerte mit uns um einen See, wir aßen Eis und besuchten den Spielplatz am Strand. Abends speisten wir italienisch mit beiden Enkeln und ihren Eltern. Wider Erwarten war es ein guter Tag.

Die Nachrichten vermelden, dass Germanwings seinen Code 4U … aufgibt und mit dem nächsten Sommerflugplan unter den Eurowings-Flugnummern EW fliegt. Damit dürfte die Bezeichnung Germanwings endgültig vom Markt verschwinden. Das wurde bereits vor dem verhängnisvollen Absturz im Jahr 2014 beschlossen. Somit gehören Germanwings wie auch die Katastrophe der Vergangenheit an.
Allerdings überschlagen sich die Medien zum Thema Air Berlin. Die Fluglinie hat vor rund zwei Wochen die Insolvenz beantragt. Ein Insolvenzverwalter wurde nicht eingeschaltet, die Geschäftsleitung bleibt in der Pflicht.
Auffallend rasch stellt die Bundesregierung einen Überbrückungskredit von 150 Millionen Euro für die insolvente Fluggesellschaft bereit. Hierdurch soll garantiert werden, dass für die nächsten drei Monate (Hauptreisezeit) der Flugverkehr nicht zusammenbricht. Wir befinden uns im Wahlkampf.
Käufer für die verwendbaren Teile der Airline müssen gefunden werden. Lufthansa steht dabei im Fokus. Sie wird wohl die Flugzeuge sowie die Start- und Landerechte übernehmen.
Die Bundeskanzlerin, Frau Merkel, ist überzeugt, dass der Kredit nicht zu Lasten der Steuerzahler gehen wird.
Der frühere Lufthansamanager Thomas Winkelmann übernahm erst im Februar die Leitung von Air Berlin, weil sein Vorgänger es nicht geschafft hatte, den Schuldenberg der Fluglinie abzubauen. Doch auch ihm wollte das nicht gelingen.
Aufgrund der Fakten drängt sich geradezu der Verdacht auf, dass all diese Ereignisse zu einem abgekarteten Spiel gehören, das die Bezeichnung abgesprochene Insolvenz trägt. Medien berichten von einem Megadeal, der von langer Hand vorbereitet war. Der irische Konkurrent Ryanair spricht gar von einem Komplott zwischen der deutschen Bundesregierung, Lufthansa und Air Berlin, das der Lufthansa ermögliche, eine schuldenfreie Air Berlin zu übernehmen. Ryanair reicht Beschwerde beim Bundeskartellamt und der EU-Wettbewerbskommission ein.
Das Misstrauen verstärkt sich, da auch im Falle der Insolvenz Herr Winckelmann nicht um sein Gehalt fürchten muss. Er hat es sich bei Dienstantritt durch eine Bankgarantie von 4,5 Millionen Euro absichern lassen.
Ich beobachte die Vorgänge, die sich rund um die Lufthansa als Muttergesellschaft von Germanwings und Eurowings ranken genauestens. Schließlich kam Jens ums Leben, weil er sich der Airline anvertraute. Für mich ist die Schuldfrage nicht endgültig geklärt.
Die oben genannten Vorkommnisse machen mir Angst vor den wirkungsreichen Verflechtungen, die eine Aufdeckung aller Fehlverhalten und Versäumnisse, die letztendlich die Katastrophe ermöglichten, verhindern könnten.
Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft sieht trotz wichtiger ungeklärter Fragen, keinen weiteren Ermittlungsbedarf. Ein imaginäres Fragezeichen steht dahinter.
Es wird nur ein Verdacht bleiben, dass auch in diesem Fall ein Zusammenspiel von Bundesregierung, Wirtschaft und Justiz versucht, die Wiederaufnahme der Untersuchungen zu stoppen, da finanzielle Interessen im Vordergrund stehen. Die Unantastbarkeit des mächtigen Lufthansakonzerns muss gewahrt werden.
© Brigitte Voß


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