Wir erfahren, dass einer der Rechtsanwälte, der bisher mehrere deutsche Opferfamilien vertreten hat, sein Mandat niedergelegt haben soll. Der Grund bleibt mir verborgen, und ich bin verunsichert, was sich hinter den Kulissen abgespielt hat. Wissende Angehörige berichten, dass entsprechende Familien von der Lufthansa eine Abfindung entgegengenommen und dazu eine Erklärung unterschrieben haben, in der sie auf weitere finanzielle Forderungen und Klagen verzichten.
Es gibt ausländische Hinterbliebene, die vor dem Landgericht in Köln gegen Germanwings geklagt haben. Es sollte entschieden werden, ob das Gericht Zehntausend Euro Schmerzensgeld für angemessen hält. Daraufhin hat ihnen die Fluggesellschaft ausreichend Geld geboten, sodass sie ebenfalls aus dem Verfahren raus sind. Schade, denn eine rechtliche Entscheidung darüber wäre für Deutschland interessant gewesen. Das hässliche Wort »herausgekauft« macht die Runde.
Viele von uns sind erschöpft, auch ich schließe mich davon nicht aus. Angehörige sind zermürbt von dem juristischen Hin- und her. Sie nehmen das Angebot an, vielleicht weil sie damit einen Schlussstrich ziehen wollen.
Ich kann das nicht, obwohl ich Ruhe bräuchte. Das Finanzielle ist zweitrangig. Einen Klageverzicht würde ich niemals unterschreiben. Unser Kind musste in der Germanwings-Maschine sterben, die ein Copilot trotz warnender Vermerke auf den ihn betreffenden Dokumenten fliegen durfte (siehe 11.10.2016, Freitag – Aufreger). Wieso war das möglich? Wir hoffen auf eine gerichtliche Klärung.
Im Internet lauere ich regelrecht auf Informationen rund um die Katastrophe. Die Wut in mir auf das Unfassbare wird nie verschwinden. Ich kann sie zwar in einen hinteren Winkel des Gehirns verbannen, wo sie nur darauf wartet, urplötzlich wieder hervorzuschießen. Die Psychologin meint, das sei kontraproduktiv und würde mein Immunsystem schwächen. Allerdings habe man es oft, dass die Wut, die der Mörder auf sein Opfer hatte, insbesondere bei Eltern eine vergleichbare Wut auf den Täter erzeuge. Auch diese akribische Informationssuche, obwohl mir klar ist, dass sie mich aufregen könnte, sei wie eine Flucht vor der Trauer. Ich solle mir zuweilen vom Internet freinehmen.
Leider funktioniert der Ratschlag derzeit überhaupt nicht, da ich den Fortgang der Petition (siehe 31.07.2017, Montag – Baustellen auf allen Ebenen) auf Change.org verfolgen möchte.
Heute früh zeigte die Statistik der Website 6792 Unterschriften an. Es ist abzusehen, dass wir innerhalb von vier Wochen nach der Veröffentlichung keine 50 Tausend erhalten werden. Sie sind notwendig, damit die Initiatoren Jana und Frank Noack vor dem Petitionsausschuss Rede und Antwort stehen können, vorausgesetzt, dies wird nicht vorher von einer Zweidrittelmehrheit des Ausschusses abgelehnt. Wenn man dann noch auf Wikipedia liest, dass Petitionen vom Deutschen Bundestag nicht ernsthaft genug genommen würden, sinkt der Level der Euphorie um einige Stufen.
Angehörige aus dem In- und Ausland mobilisieren ihre Netzwerke und bitten um Unterschriften. Zahlreiche Interviews mit Hinterbliebenen erscheinen in den Medien. Die Übersetzerinnen des vorliegenden Blogs, erklären sich bereit, die deutschsprachige Petition in ihre Muttersprachen zu übersetzen. Ich bewerbe sie in den Seelenrissen sowie mittels eines Blogbeitrags in der Huffington Post.
Zunächst zeichnete sich durch all die Maßnahmen ein Stimmenzuwachs ab, der sich leider wieder verlangsamt.
Die Unterzeichner kommen aus der ganzen Welt, insbesondere aus den Ländern, die ebenfalls Opfer durch die Germanwings-Katastrophe zu verzeichnen haben.
Schade, ich habe mir mehr Stimmen erhofft. Doch auch ohne die Möglichkeit vor dem Petitionsausschuss zu sprechen, haben wir noch Chancen auf einen Erfolg. Mittlerweile richtet sie sich zusätzlich an das Justizministerium von NRW und an den Verkehrsminister. Das Gesuch auf change.org bleibt online, obwohl die Adressaten gesetzlich nicht verpflichtet sind, darauf zu reagieren, egal wie viele Unterschriften gesammelt werden. Und damit drehen wir uns im Kreis. Wenn die Obrigkeit nicht will, muss sie nicht handeln, oder kann Dinge zu ihrem Gunsten beeinflussen, wie das Beispiel des Staatsanwaltes zeigt, der die Untersuchungen einstellt, wenngleich eine Menge Fragen unbeantwortet bleiben. Eine der Forderungen in der Petition ist ja gerade die Wiederaufnahme des Verfahrens.
Heute vor 56 Jahren wurde die Berliner Mauer errichtet, und mein Mann wird angesichts der jüngsten Entwicklungen um die Germanwings-Katastrophe nachdenklich. Er sagt: »Eigentlich ist in diesem System alles nur noch schlimmer. In der DDR haben wir von der Diktatur nichts erwartet und wussten daher, woran wir waren. Doch hier, in dem angeblich demokratischen Rechtsstaat, ist man geneigt zu hoffen, dass der Staat sich für einen einsetzt … wahrscheinlich denken das mehr wir, die ›blöden Ossis‹. Nichts dergleichen geschieht. Im Gegenteil, er mischt sich ein, um für gewisse Interessen Gesetze auszuhebeln.«
Das Zusammenspiel zwischen Bundesregierung und der Autoindustrie im aktuellen Dieselskandal zeigt das deutlich. Es ist zu vermuten, dass sich Vergleichbares im Falle des Germanwings-Absturzes mit der Lufthansa abspielt, um eine vollständige Klärung des Massenmordes zu erschweren. Leider wird man derartige Dinge niemals beweisen können. Wir sitzen am kürzeren Hebel.
Die ideale Gesellschaftsform müsste erst noch gebacken werden.
© Brigitte Voß
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