31.07.2017, Montag – Baustellen auf allen Ebenen

Normalerweise wären wir jetzt für zehn Tage in Le Vernet bei Jens. Doch leider mussten wir die Ferienwohnung annullieren. Meine Gesundheit versagt in dem Maße, wie die Götter in Weiß versagt haben. Nur weil eine Röntgenärztin mich zielgerichtet über die Art der Schmerzen befragte, die ich seit mehr als 20 Jahren mit mir herum schleppe, röntgte sie eine andere Gegend des Bewegungsapparates als auf der Überweisung vorgeschrieben. Und siehe da, die Ursache wurde festgestellt, und ich muss unters Messer. Für die Zeit danach verspricht man mir den Himmel auf Erden. Auf einmal bin ich für die angeblichen Experten keine chronische Schmerzpatientin. Fakt ist, dass ich allmählich steif werde und bereits den steilen Anstieg zur Ferienwohnung in Le Vernet nicht schaffen würde, geschweige denn den zur Absturzstelle. Ich bin traurig und erbost. Der Scherbenhaufen, der sich seit dem Tod von Jens vor mir auftürmt, bricht nicht in sich zusammen, so hoch er mittlerweile geworden ist. Statiker hätten ihre wahre Freude daran.
Mitmenschen begreifen nicht, wieso wir den Ort des Sterbens so oft oder überhaupt aufsuchen. Es müsste doch ein böser Ort sein, immerhin hat sich dort ein fürchterliches Verbrechen zugetragen. Sie fragen, warum wir uns das antun. Ich kann nur antworten, dass ich in den Bergen zwischen Le Vernet und Prads eine Nähe zu unserem Sohn spüre, wie sie sich am heimischen Grab niemals einstellt. Besonders logisch denkende Gesprächspartner sehen mich nach derartigen Bemerkungen zweifelnd an. Wie sollen sie auch verstehen, denn das zu erklären, erfordert einen Sprachschatz, der nicht existiert. Für Dinge des Gefühls fehlen oft die Worte. Letztendlich murmele ich stets etwas von Trauerverarbeitung, und damit kehrt Ruhe ein, das Thema ist ein weites Feld.
Jetzt wäre es ein Trost, wenn ich wenigstens über die Webcam, die der Bürgermeister von Le Vernet Ende 2015 installieren ließ, die Bergkette betrachten könnte, hinter der sich die Katastrophe ereignete. Allerdings klappt das seit einigen Wochen nicht mehr. Die Internetseite lässt sich nicht öffnen, egal welchen Browser und Computer ich benutze. Im Austausch mit Angehörigen höre ich, dass es ihnen ebenso ergeht. Vom Carecenter Germanwings erfahre ich, dass ein technisches Problem größeren Ausmaßes dafür verantwortlich ist. Sie würden mit der Gemeinde in Verbindung stehen und gemeinsam an einer Lösung des Problems arbeiten. Leider ist nicht abschätzbar, wann der Schaden behoben sein wird.
Keine Reise und keine Webcam. Jens ist so weit weg.
Die Petition, die eine Wiederaufnahme der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sowie eine detaillierte Aufklärung aller Geschehnisse rund um den Flugzeugabsturz fordert, erscheint auf der Onlineplattform Change.org. Wichtig in ihrem Inhalt sind die ungeklärten Vorgänge, die sich im Vorfeld der bewusst herbeigeführten Katastrophe zugetragen und sie dadurch ermöglicht haben. Initiatoren sind Jana und Frank Noack aus Halle, deren einzige Tochter in der Maschine saß. Wir Hinterbliebenen hatten die Möglichkeit, den Entwurf gegenzulesen und Änderungen einzubringen.
Über sechzig Angehörige haben die Petition bereits vor ihrer Veröffentlichung unterschrieben. Sie richtet sich zunächst an den Petitionsausschuss des Bundestages.
Nun gilt es, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, uns mit ihren Unterschriften zu unterstützen.
Der Link zur Petition ist im vorliegenden Blog unter dem Menüpunkt »Sonstiges« zu finden.
Werden wir damit Erfolg haben wie die Mutter, die auf der chaotisch organisierten Loveparade in Duisburg ihren Sohn verloren hat? Sie fordert in ihrer Unterschriftensammlung die Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens.
Allerdings liegen zwischen beiden Ereignissen unterschiedliche Voraussetzungen vor. Während bei der Loveparade viele Opfer überlebt haben, teilweise schwer verletzt und traumatisiert, sind alle Insassen des Flugzeugabsturzes ums Leben gekommen.
Die Zukunft wird zeigen, ob sich unser Hoffnungsschimmer erfüllt.
© Brigitte Voß

 


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