Anfang des Monats startete die Tour de France seit dreißig Jahren wieder auf deutschem Boden und das ausgerechnet in Düsseldorf, wo Jens die letzte Lebenszeit verbrachte. Allein diese Tatsache weckte sehnsuchtsvolle Erinnerungen: Als Jugendlicher saß er oft mit dem Bruder stundenlang vor dem Fernseher. Beide verpassten kein Rennen. Später wurden die Dopingfälle aufgedeckt, und die Jungs wendeten sich voller Enttäuschung und Verachtung von dem Sport ab. »Die sind doch alle gedopt«, war der Slogan jener Zeit. Ich höre jetzt noch seine Stimme.
Vom Radfahren dagegen ließ er nicht. Aus dem Dreirad, das er als Kleinkind mit Eifer fuhr, wurden mehrere Rennräder mit unterschiedlichen Raffinessen. Die Teilnahme an den sportlichen Wettkämpfen gehörte für ihn zum Leben wie die Nahrung auf dem Tisch. Selbst die kleine Enkelin hat das erfasst:
Die Familie hält sich seit einigen Tagen in Franken auf, weil Thomas am Challenge Roth teilnimmt. Der beliebte, stets ausgebuchte Ironman Deutschlands bedeutet 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und als wäre das nicht genug, folgen noch 42 km, das heißt, ein Marathon. 71 Nationen sollen dieses Jahr an dem Event teilnehmen.
Doch zurück zur vierjährigen Sassa: Gestern legte ich mich in der Ferienwohnung mit ihr zum Mittagsschlaf ins Bett. Wieder einmal erörterten wir die Frage, wovon wir träumen wollten. Sie sagte: »Vom Onkel Jens, der war nämlich mein bester Freund. Der hat immer so gern mit mir gespielt. Und jetzt ist er tot.« Die Mädchenstimme wurde leiser. (Damit fängt sie in letzter Zeit öfters an, ohne dass wir ihn vorher erwähnt hätten. Wahrscheinlich erinnert sie der Anblick von mir und meinem Mann an ihn.) Traurig schaute sie an die Decke und spricht weiter: »Wir träumen, dass wir ihm was schenken.«
»Hmm.«
»Ich weiß was. Ein Rennrad!«, kam prompt die Antwort. Sie griff ein imaginäres Rad und warf es nach oben. Wir freuten uns, dass er vom Himmel aus mit dem Papa um die Wette fahren kann.
Was würde Jens wohl zu seinem Bruder sagen, dessen bedeutender Tag heute bevorsteht. Niemals hätte Thomas gedacht, einen der begehrten Teilnahmeplätze zu ergattern. Trotzdem lockte es ihn, an einer Verlosung zum Nikolaustag teilzunehmen. Er musste punktgenau 12 Uhr auf der entsprechenden Website sein Interesse bekunden. So unwahrscheinlich es klingt, auf diese Weise erhielt er die Startgenehmigung. »Da hat Jens geholfen«, ist die einhellige Meinung der Familie. Normalerweise ergattert man sie am Folgetag des Wettkampfes für das nächste Mal oder, wenn man Glück hat, über das Internet.
Ab sofort begann für Thomas ein unnachgiebiges Trainieren, und bei mir vergrößerte sich die Angst, ich könnte ihn verlieren. Das Szenario, er würde beim abschließenden Marathon plötzlich tot umkippen, lässt mich seitdem nicht mehr los. Alles kann passieren, obwohl ich weiß, dass er vernünftig ist, keine Risiken eingeht und gut trainiert.
Viermal stehen wir an diesem Tag an der Strecke. Die Zwischenzeiten verbringen wir in der Ferienwohnung, damit die Kids spielen können und ihre friedliche Stimmung beibehalten.
Die morgendlichen Gewitterwolken sind verschwunden. Die Temperaturen steigen auf 29 Grad. Die Sonne entfaltet ihre maximale Kraft. Wir suchen am Streckenrand den Schatten.
Auf der Startnummer eines auf dem Rad vorbeiflitzenden Triathleten lese ich unvermittelt den Namen JENS. Mir gibt es einen Stich ins Herz. Wie gern wäre er hier dabei. Sein Leben wurde brutal beendet. Ich darf gar nicht daran denken und versuche tapfer, mich in die Anfeuerungsrufe, die von allen Seiten die Sportler antreiben, einzubringen. Jeder hat es verdient!
Als ich Thomas auf dem Rennrad sehe, verschwindet die Angst um ihn. Der Grund dafür ist unklar.
Einmal verfehlen wir ihn sogar, da er die von uns geschätzte Zeit übertrifft. Selbst in der letzten Hälfte des Marathons kann mein verrücktes Kind noch Lächeln. Es sieht kaum angestrengt aus. Ich bin stolz auf ihn. Er nimmt sich die Pause, kommt zu uns an den Streckenrand und klatscht mit uns allen ab. Worte fliegen hin und her, schon sprintet er davon.
Wäre Jens bei uns, würde er die Bombenstimmung der Zuschauer genießen und seinen Bruder mit ehrlicher Begeisterung anfeuern. Natürlich würde es ihn wurmen, nicht mitmachen zu können. Morgen würde er sich in die Warteschlange reihen, um sich einen der heißbegehrten Starterplätze für das nächste Jahr zu verschaffen.
Wer weiß? Vielleicht begleitet er den Wettkampf in überirdischer Weise. Er spornt Thomas an und trägt zu dem überaus temperamentvolle Flair bei, das in der Arena beim Zieleinlauf zu explodieren droht.
Die sportlichsten Athleten setzten sich zum Ziel, die Achtstundenmarke zu knacken, andere brauchen dafür mehr als die doppelte Zeit, was in meinen Augen kein Drama ist, denn ich habe vor allen Teilnehmern einen Heidenrespekt. Das muss man erst einmal schaffen!
Zwölf Stunden nonstop ist unser Sohn bereits unterwegs. Jeden Moment kann er auftauchen. Timo ist im Sportwagen eingeschlafen, und Sassa hält erstaunlich gut durch. Wir sitzen auf den Steinstufen, springen auf und recken die Köpfe. Und da sprintet er heran. Er reißt die Arme hoch. Die Freude steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er hat es geschafft! Sein hartes Training hat sich ausgezahlt. Wir eilen hinaus, um ihn zu umarmen. Er lacht, redet viel, obwohl ihm die Erschöpfung anzusehen ist.
Es wird frisch, die Dunkelheit breitet sich aus. Die Stimmung der Fans brodelt über. Ein Feuerwerk läutet den Abschluss ein.
© Brigitte Voß
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