26.06.2017, Montag – zwei Jahre nach der Beerdigung von Jens

Kaum bin heute früh aufgewacht, habe ich mir gewünscht, dass es Abend ist und ich wieder ins Bett gehen kann. Allerdings würde mir das auch nicht viel bringen, denn die Nächte sind unruhig, die angeblich chronischen, körperlichen Schmerzen setzen mir zu, während Albträume über Jens und den Flugzeugabsturz die nächtliche Dunkelheit würzen. Ich lebe im Jahr drei der nach der Katastrophe angebrochenen Zeitrechnung. Es ist eine Epoche, die von Traurigkeit dominiert wird. Die Unbeschwertheit des Seins ist für immer vorbei. Damals, im besseren Leben, hat man sie selten wahrgenommen, weil sich angebliche Probleme des Alltages vor einem auftürmten. Jetzt erst erkenne ich, dass man sich damit das Dasein unnütz erschwerte, denn diese Schwierigkeiten konnten alle gelöst werden. Doch das jetzige Problem, nämlich dass Jens tot ist, dass er gewaltsam aus unserer Mitte gerissen wurde, ist ein unlösbares. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen, wir müssen mit der Tatsache klar kommen. Bloß wie?
Es fällt schwer, vor dem Grab seines Kindes zu stehen. Vor zwei Jahren haben wir ihn beerdigt. Es ist einer der mir fremden Tage, die ich nicht zulassen möchte. Jedoch die Erinnerung daran ist intensiv und übermächtig. Ich kann sie nicht ignorieren.
Nur wenige denken an den heutigen Tag und setzen sich mit uns in Verbindung. Ich mache ihnen deswegen keinen Vorwurf. Die Welt dreht sich für die Mitmenschen weiter, was für uns nicht in der gewohnten Weise zutrifft.
Unser Freund aus Japan führte seinen Hund Ami aus und sah zum ersten Mal in diesem Sommer Sonnenblumen auf einem Feld. Er verstand sie als freundliche Grüße von Jens und betete für die Ruhe seiner Seele im Jenseits.
Nancy begegnete ich zunächst nur im virtuellen Raum. Sie beeindruckte mich durch ihre Empathie ohne die oft üblichen leere Worthülsen, wie »das Leben geht weiter, es kann nur besser werden, alles wir gut«, usw. Mittlerweile kennen wir uns persönlich, und sie ist eine aufrichtige Freundin geworden. Selbst sie denkt an Jens, obwohl sie gerade eine Bekannte an den Krebs verloren hat, deren Beerdigung noch bevorsteht.
Ich sehne mich nach ihm. Oft stelle ich mir vor, wie er mit seinem typischen Schmunzeln durch die Wohnzimmertür kommt, als wäre nichts passiert. Das Leben würde wieder beginnen. Solcherart Träume vereinnahmen mich gern.
Ist diese Schwere des Verlustschmerzes, die an mir haftet wie ein zweites Ich, nach mehr als zwei Jahren noch normal?
Doch ist es normal, sein Kind zu verlieren?
Aus dem Internet habe ich erfahren, dass im aktuellen Handbuch der »American Psychiatric Association Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders«, kurz DSM, die Trauer als psychische Erkrankung klassifiziert wird, wenn der Betroffene nach dem Tod eines geliebten Menschen zwei Wochen lang depressive Symptome zeigt. Mit anderen Worten: Trauert ein Hinterbliebener mehr als zwei Wochen, bedarf er einer therapeutischen Behandlung mit Psychopharmaka. Demnach wird die Trauer als Krankheit angesehen, und nicht als eine normale, menschliche Reaktion. Es sind Wissenschaftler, die diesen Blödsinn verzapft haben. Und das ist gefährlich, allerdings positiv für die Pharmaindustrie.
Wir stehen vor dem Grab von Jens. Ich weine still vor mich hin, auch wenn seine Beerdigung zwei Jahre zurückliegt. Das sei mir trotz des merkwürdigen Handbuches zugestanden, erst recht ohne Psychopharmaka. Ich bin nicht krank, ich benötige keine Tabletten, weil ich um mein Kind trauere. Gegen diesen Schmerz sind die Mediziner machtlos. Trauer kann man nicht behandeln.
Ich weiß, dass es vielen Angehörigen auch nach zwei Jahren genauso ergeht wie mir. Daraus schöpfe ich den Trost und die Gewissheit, dass ich mir wegen meiner Traurigkeit keine Sorgen machen muss.
Wir stellen einen frischen Blumenstrauß in die Vase. Er ist bunt, so wie Jens die Farben liebte. Die abgeblätterten Schriftzüge auf dem Grabstein sind ausgebessert, sodass sie in tadellosem Weiß daherkommen. Ich bin zufrieden.
Die abendliche Stimmung und Stille auf dem Friedhof wirken beruhigend. Nur die Vögel zwitschern.
© Brigitte Voß


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar